Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
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   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
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VII
Durchaus ist die grÖfste Zartheit des Verfahrens notwendig, es wäre
sittlich höchst verderblich, die Empfindung wie eine Treibhauspflanze zu
behandeln, die ganze kindliche Unschuld und Naivetät steht hier auf dem
Spie-Ie. Also begnüge sich der Lehrer, gut gewählte Stückg mit möglichster
Vollendung vorzulesen, damit die Knaben zuerst mit Empfindung hören
lernen, und hüte sich vor allem Erzwingen- und Erpres-
se n w o 11 e n ; wohl aber sehe er mit Strenge auf die übrigen Fertig-
keiten, welche die äufserliche Voraussetzung für das empfindungsvolle Lesen
sind; die wirkliche Äufserung der Gemütsbeteiligung der Kinder beim
Lesen mufs ganz dem innern Wachstum der Empfindung überlassen bleiben,
damit sie natürlich hervortrete. Ein sehr gewöhnliches Hinder-
nis bei vielen gerade sehr gemütvollen Kindern ist
die Schüchternkeit; das volle unumwundene Heraus-
gehen kommt ihnen leicht wie eine Vei-sündigung ge-
gen die Innigkeit ihrer Empfindung wie ein schauspieler-
mäfsiges Preisgeben derselben vor. Hiergegen gibt es keine unmittel-
bare Abhilfe, blofs eine mittelbare, die in der Gewöhnung an lautes
Lesen besteht.
Gerade dieses Lautlesen aber wird leicht so sehr vernachlässigt, und meist
eben deshalb, weil man das leisere Lesen für empfindungsvoller hält. Und
doch ist jenes von höchster Wichtigkeit. Keinem, der grofse Virtuosen ge-
hört hat, wird entgangen sein, dafs diese einen starken vollen Ton ausge-
bildet haben, und dafs ihr Pianissimo eben deshalb so magisch wirkt, weil
man die Fähigkeit zur Hervorbringung auch des Fortissimo immer noch im
Hintergrunde weifs, oder genauer zu sprechen, weil auch ihr Pianissimo
bei aller Zartheit immer noch kräftig und voll sich ausspricht. Unsere
Befriedigung dabei rührt eben daher, dafs ein solches Spiel durch die nie
fehlende Kraft, Rundung und Fülle sich erst als geistigen Ton beweist.
Wollte man beim Klavierspielen weit mit den Händen ausholen, so würde
man freilich wohl Saiten zu zersp» engen die Stärke haben, allein dies wäre
auch nur die mechanische, physische Kraft, die natürlich mit der zuneh-
menden Fallhöhe wächst; ein Stein würde das noch viel besser können.
Wollte man umgekehrt nur mit leise tippenden Finger anschlagen, so gäbe
dies einen leisen Ton, aber wieder nur auf eine physische und zwar nur
mechanische Weise. Geistig wird der Ton erst, wenn der Wille durch
ihn hindurchscheint, sich in ihm reflektiert. Der Wille aber kommt zur
Erscheinung nur als Macht über das Natürliche, und diese Macht offenbart
er zunächst dadurch, dafs er stark hervortritt. Auch für das Lesen ist das
leicht nachzuweisen. Das, was sich dem Lautlesen bei den Meisten ent-
0 Vgl. R. H. Hiecke: Der deutsche Unterricht auf deutschen Gymnasien.