Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
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   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
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126. Des Sängers Fluch.
Es stand in alten Zeiten ein Schlofs so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duftgen Gärten ein blütenreicher Kranz,
Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.
Dort safs ein stolzer König, an Land und Siegen reich ;
Er safs auf seinem Throne, so finster und so bleich.
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Mut,
Und was er spricht, ist Geifsel, und was er schreibt, ist Blut,
Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar,
Der ein' in goldnen Locken, der andre grau von Haar ;
Der Alte mit der Harfe, der safs auf schmuckem Rofs,
Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genofs.

Der Alte sprach zum Jungen : »Nun sei bereit, mein Sohn !
Denk unsrer tiefsten Liedei-, stimm an den vollsten Ton ;
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut zu rühren, des Königs steinern Herz."
Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl j
Der König furchtbar prächtig, wie blutger Nordlichtschein,
Die Königin, süfs und milde, als blickte Vollmond drein.
Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll,
Dafs reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll ;
Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor,
Des Alten Sang dazwischen, wie dumpfer Geisterchor.
Sie singen von Lenz und Liebe, von seiger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit;
Sie singen von allem Süfsen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.
Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott,
Des Königs trotzge Krieger, sie beugen sich vor Gott,
Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust,
Sie wirft dem Sänger nieder die Rose von ihrer Brust.
»Ihr habt mein Volk verführet, verlockt ihr nun mein Weib ?"
Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib;