Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
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   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
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senschaft, in Bayern der Maximiliansorden gestiftet wurden, hatte man Uhland
zum Mitglied ausersehen. Nach beiden Seiten lehnte der strenge Mann ab, um
seiner Überzeugung auch nicht im mindesten zu vergeben, üas wurde ihm natür-
lich als Schroffheit verübelt. In stiller Thätigkeit lebte Uhland in Tübingen, bis
er im Jahr 4862 sich von dem Leichenbegängnisse seines Freundes Just. Kerner
den Todeskeim mit nach Hause brachte; er starb am 23. Febr. 1862.
Uhlands Dichtungen errangen sich anfangs nur langsam die Gunst des Publi-
kums, die sich dann aber, wie kaum bei einem andern Dichter, nachhaltig und
dauernd erwies. Der Dichter hat, sagt ein Beurteiler treffend, der Natur das
Sonntagskleid angethan; er hat das Landschaftsgemälde zum Liede zu vergeisti-
gen gewulst. Er zog die Glocken der Kapellen, stellte Hirtenknaben auf die
Berggipfel und legte ihnen selige Lieder in den Mund. Er zauberte die Ver-
gangenheit in verklärter Gestalt aus den Ruinen wieder auf, liefs noch einmal
die alten Falken der Jagden steigen, liefs Sänger an den Pforten der Burgen um
Einlafs klopfen, er zauberte uns Jungfrauen auf den grünen Plan und Königssöhne,
die vorüberzogen und sie liebten : Uhland schuf, wie Schiller eine idealische über-
sinnliche Welt, so in seinen Gedichten eine idealische wirkliche Welt. Dieses
Erbe der Romantik konnte freilich jenen nicht gefallen, die auf die Zei'störung
aller Romantik ausgingen, dem jungen Deutschland. Der Chorführer und einzige
Dichter dieser Schule, Heinrich Heine, nennt Ulands Dichtung spöttisch eine
»Gelbveiglein-Poesie," seine Lieder kommen ihm vor wie Gesangbuchsverse. Al-
lerdings, welch ein Abstand besteht auch zwischen diesen beiden Männern und
Dichtern I Ein Abstand, den der Ästhetiker Th, Vischer in origineller
Weise also zeichnet. »Die Musen hatten einmal den sonderbaren Einfall sich zu
betrinken, und Euterpe setzte sich darauf in den Kopf, den Ersten, der ihr be-
gegnete, wer er es auch sei, auf die Stirn zu küssen und ihm dadurch das Siegel
ihrer Weihe aufzudrücken. Und sie fand am Ufer der Elbe einen iungen Schlingel,
der mit üppig zwinkernden Augen, schlendernden Ganges daher gebummelt kam;
ihm drückte sie einen vollen feurigen Kufs auf die Stirne. Aber am andern Tage
schon überblickte sie all das Unheil, das sie angerichtet, sie wufste, dafs das
Siegel der Weihe unauslöschlich ist, sie sah auch voraus, wie der durch ihren
Kufs Geweihte, ein feiger Weichling, sich als Ritter und Freiheitskämpe aufsprei-
zen und wiederum sein Vaterland im Ausland dem Spott preisgeben wei'de, immer
unwiderstehlich und immer unausstehlich, ein Geschwür des Gestanks und vom
Dufte der Lorbeerblüte nie verlassen, ein geiler Affe und ein Musenjüngling mit
einem Strahlennimbus ums Haupt, ein unerschöpüicher Honigkelch voll Gift für
die Nation. Und die Muse raufte ihr Haar und schämte sich. Da aber sah sie
im Süden Deutschlands jenen Mann mit herben Zügen, über denen aber der Geist
des Friedens, der stillen Kraft, der bescheidenen Tugend schwebte. Da tröstete
sich die Muse und sprach: 0 du bist es, auch dir habe ich einst den Kufs der
Weihe aufgedrückt, nicht glühend, nicht trunken, sondern kühl, keusch und sanft,
und die Geschlechter werden mich segnen um diesen bescheidenen Kufs. Du wirst
leben, unsterblich leben in der Nation. Wohl dir, wohl mir, wohl meiner ge-
retteten Ehre I Noch einmal liefs sie mit innerstem Wohlgefallen ihr Auge auf
dem Manne ruhen, dann schwang sie sich wieder auf und schwebte dahin und
kehrte frohen, verklärten Blickes zurück zu ihren Schwestern auf den Höhen des