Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
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   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
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wieder erreichtes Werk, das seinen Ruhm mit einem Schlage begrün-
dete und heute wie damals als ein Kleinod unserer gesamten Dichtung erscheint.
Selbst Bürger hat, was er hier erreichte, niemals wieder zu Stande gebracht, ob-
schon er noch manches Gute — z. B. DasLied vom braven Mann, ge-
liefert hat.
»Denn der Angehöriges stetes Weinen
Brennt den Hingeschiedenen, also lehret man.'*
(Übers, von Rückert.)
Wilh. Wackernagel in seiner »Einladungsschrift zur Promotionsfeier des
Pädagogiums zu Basel" (1835) erinnert ferner an den Vers aus Virgils Aeneide
(VI, 444):
Curae non ipsa in morte relinquunt,
eine Vorstellung, die in Italien nicht ausstarb und von Boccaz in der Nov. V.
Giorn. IV klassisch dargestellt wurde. Der ermordete Lorenzo erscheint hier der
weinenden Geliebten mit der Bitte, nicht mehr um ihn zu weinen. Auch von einem
Volksliede darüber führt der Novellist die erste Zeile an. —
In einem serbischen Volksliede heifst es.
Nicht die Erde ist's, die mich drückt, o Mutter,
Nicht die Ähornbretter meiner Wohnung;
Was mich quält, der Schmerz ist's der Geliebten.
Am herrlichsten aber wird die Idee in der grandiosen Poesie der Edda wieder-
gespiegelt :
Helgi ist im Kampf gefallen, ein Hügel wird über seinen Leichnam errichtet.
Am Abend sieht die Magd seiner Gattin Sigrun ihn zum Hügel reiten. Sigrun
geht hin und spricht:
Dein Haar ist, Helgi, reif durchdrungen.
Ganz ist der König leichentaubespritzt.
Helgi antwortet;
Allein verursachst du, Sigrun von Salafiöll
Dafs Helgi ist mit Leichentau benetzt:
Du weinest, Goldgeschmückte, grimme Zähren,
Sonnenglänzende, südliche, eh du schlafen gehst.
Wackernagel nennt es »geschmacklos'*, dafs bei Bürger der Geliebte der
Tod selbst sei. Schon in einem Volkslied aus Neisse sagt aber die Braut
zu dem toten Freier, der die Hochzeit bestellt:
»Du riechst mir so nach Erde,
Oder bist du selber der Tod?"
(Wunderhorn IV, 73 ff).
Das Tadelnwerteste ist jedenfalls, dafs der Tod als Bestraf er kommt. Der
englische Kritiker im Monthly Magazin fand bereits die Moral der Lenore bedenk-
lich : ihre Strafe sei gröfser als ihre Sünde.
Allein die Schönheiten im einzelnen, wie namentlich die in einem damals ganz
neuen, echt poetischen Realismus ausgeführte geniale Schilderung des nächtlichen
Rittes, — in jedem Vorgänge die Magie des Epos! — wiegen jenen allgemeinen
Mangel weit auf, und so bleibt die Lenore, nach A. W. Schlegels
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