Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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'§ 65. Ethisch-religiöse Volkserziehung. Ethische Kultur. 605
religiöses Interesse haben oder doch nicht ein solches, dals sie sich
gedrungen fühlen, mit anderen in eine religiöse Gemeinschaft zu
treten. Ich will gewifs nicht das Recht der Religion schmälern,
obwohl ich nicht soweit gehe wie Keibel in seiner Schrift: „Die
Religion und ihr Recht gegenüber dem modernen Mora-
lismus"; aber ich will auch eben diesem modernen Moralismus,
der in den „Gesellschaften für Ethische Kultur" sich eine äufsere
Ausdrucksform für die Ansichten einer grofsen Menge von Menschen
geschaffen hat, sein Recht widerfahren lassen. Einerseits kann es
ja gar nicht zweifelhaft sein, kann niemand im Ernste leugnen
wollen, dafs es eine rein humane Ethik giebt, dafs Moral
ohne Religion sehr wohl möglich ist. Das zu bestreiten,
wagt heutzutage nur noch der verbohrte Priester; vorurteilslosere
Geistliche erkennen die Existenz einer religionslosen Moral ohne
weiteres an, wenngleich sie, was uns nicht wundern kann, dieselbe
für etwas Minderwertiges erachten. Karl Lühr, Pfarrer in Gotha,
beantwortet z. B. in seiner Schrift „Ist eine religionslose
Moral möglich?" diese Frage in bejahendem Sinne, angesichts
der Thatsachen der Erfahrung. Er giebt zu, dafs sich mit gröfster
Deutlichkeit an der Hand der Geschichte zeigen läfst, dafs die
Moral wohl ursprünglich in engster Verbindung mit der Religion
auftritt; dafs die Sittengebote wohl anfänglich als göttliche Gebote
angesehen werden; dafs aber später die Moral sich immer mehr
und mehr von der Religion emanzipiert. Was jedoch Lühr nicht
besonders hervorhebt, ist der aufserordentlich bedeutsame Umstand,
dafs die enge Verbindung von Moral und Religion in die Zeit
der Kindheit des Menschengeschlechtes fällt; die Eman-
zipation beginnt, nachdem die Völker in das Stadium der geistigen
Mündigkeit eingetreten sind, also, wenn wir vom Altertum absehen,
mit dem 17. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Das ist von ent-
scheidender Wichtigkeit für die Beurteilung der Frage nach der Be-
rechtigung der religionslosen Moral; damit sind ganz unverkennbare
Fingerzeige für die Weiterentwickelung der Moral gegeben. Lühr
kommt freilich zu diesem Resultate nicht; ihm ist die religionslose
Moral unserer hervorragendsten Philosophen etwas Minderwertiges:
er vermifst an ihr, was gerade sie in den Augen des modernen
Menschen empfiehlt, den „übersinnlichen Ton". Er gesteht zu,
dafs sie „Befriedigung" zu gewähren vermag, aber sie sei nicht
imstande, „Beseligung" zu verschaffen. Auch „heilige" sie das
Leben nicht; der Begriff der „Heihgkeit" wie der der „Vergebung"
eigne nur der religiösen Moral. Das mag sich gewifs so ver-