Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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428 III- Teil. Der tlieoretiaclie Aufbau der sozialen Erziehnngslehre.
sie der Erde einen Sinn gebe — einen Menschensinn." Ferner
darf unsere Lebenshaltung auch nicht einseitig, wie der Nazarener
will, in Sanftmut und Demut bestehen, sondern mit der Ergebung
in das Schicksal mufs sich kühnes Selbstgefühl paaren, und unsere
Losung mufs sein: nichts aus Gnade, sondern alles aus eigener
Kraft. Diese Losung müssen die Heranwachsenden ebenfalls auf
ihren Lebensweg mitnehmen.
Endlich mufs noch darauf aufmerksam gemacht werden, dafs
die Meinung auf einem grofsen Irrtum beruht, Jesu Lehre sei etwas
ganz Neues und Originelles. Im Gegenteil: der Kenner der dies-
bezüglichen Forschung weifs heutzutage ganz genau, dafs darin
kaum ein origineller Gedanke enthalten ist. Nicht einmal das
„Vater unser", das sogen. „Gebet des Herrn", rührt ja von ihm her,
sondern ist nichts anderes als die nur wenig veränderte Wieder-
gabe eines alten jüdischen Gebetes, das den Namen der „Kadisch"
führt und im „Talmud" zu finden ist. Ebenso sind fast alle die
erhabenen Sprüche der Bergpredigt im „Talmud" enthalten, der
zwar erst nach Jesu Geburt niedergeschrieben wurde, aber längst,
seit den Tagen der babylonischen Gefangenschaft, in mündlicher
Tradition vorhanden war, desgleichen das Gebot: „Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst".*) Aufserdem findet sich die Forderung
der Nächstenliebe, welche gewöhnlich als der Ausflufs höchster
moralischer Weisheit Jesu angesehen wird, bereits bei Confucius
in der 24. Maxime des „Ta-heo" (ca. 500 vor Chr.), ferner bei
verschiedenen griechischen Philosophen, u. a. bei manchen Pytha-
goräern und auch bei Aristoteles, endlich bei dem Hohen-
priester Hillel (50 vor Chr.). Wir stofsen ferner auf diesen
Grundsatz auch in der ältesten indischen Litteratur, also eben-
falls längst bevor der Nazarener lebte und wirkte. Was aber
solche Lehren betrifft wie die, dafs man Böses mit Gutem ver-
gelten, seine Feinde lieben, dem, der einem den Mantel nimmt,
auch noch den Rock geben, auf die rechte Wange geschlagen,
die linke ebenfalls zum Schlage hinhalten solle, so sind sie
nicht als erhaben, sondern als fanatisch zu bezeichnen. Als einst
Confucius gefragt wurde: „Was hältst du denn von dem Prinzip,
dafs man Unrecht mit Güte vergelten müsse?" da antwortete dieser
Weise sehr treffend: „Womit willst du denn das Gute vergelten?
— Vergilt Unrecht durch Gerechtigkeit und Güte durch Güte*
*) Man vergleiche: T. L. Strange, „The sources and development of
Christianity'.