Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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412 III- Teil. Der theoretisclie Aufbau der sozialen Erziehungslehre.
Ein solcher Mensch wird mit Gelassenheit abwarten, was andere
dazu sagen. Und eben das ist das Kennzeichen wahrer Tüchtig-
keit. Nur die Scheintüchtigkeit fragt in erster Linie nach dem
Urteil der Menge: der Ehrgeiz ist die Leidenschaft der
Mittelmäfsigkeit.
Die beiden hauptsächlichsten sozialen Tugenden sind die
Gerechtigkeit und das Wohlwollen. Es entsteht die Frage:
soll jedermann die eigenen Interessen hinter die Angelegenheiten
anderer zurückstellen? Gewifs nicht; denn dann würde ja nie-
mand in die Lage kommen, dem anderen helfen zu können. Man
muls also sagen: die erste Rücksicht mufs die sein, die Teilnahme
an fremder Wohlfahrt nicht ausarten zu lassen in Vernachlässigung
seiner eigenen unmittelbaren Aufgaben. Und ferner: die Unter-
stützung eines anderen darf niemals dahin gehen, ihm dadurch
seine eigene Thätigkeit aus der Hand zu nehmen; sie soll vielmehr
nur eine Nachhilfe sein: ein vollkommenes Leben ist ein solches,
das auf sich selbst ruht. Auch begrenzt die Erfüllung der
nächsten Pflichten, der Familien-, Berufs- und anderer Pflichten,
die Pflichten der allgemeinen Menschenliebe. Die grofse Schule
der sozialen Tugenden ist in erster Linie, wie ich dies schon dar-
gelegt habe, die Familie. Aber das Leben in der Familie ist
doch nicht das ganze Leben. Es giebt aufserhalb der Familie drei
Kreise, die sie in sich schliefsen: Heimat, Volk und Menschheit.
Zu diesen gröfseren Lebenskreisen soll das Individuum ja ebenfalls
in sympathischen Beziehungen stehen; es soll Liebe zur Heimat,
AnhängUchkeit an das Volk, Hingebung an die Menschheit,
Humanitätsgefühl, besitzen. Das stärkste Gefühl dabei ist die Pietät;
daneben steht als gleichbedeutend der Stolz, der Stolz auf seine Hei-
mat, auf sein Volk und auf seine allgemeine Menschenwürde. Die
Beziehung zum Volke ist die wichtigste; man nennt sie, in Fühlen
und Wollen sich darstellend, Patriotismus. Dieses Wort ist
noch neuen Datums; es stammt aus dem vorigen Jahrhundert und
ist aus dem Französischen in die deutsche Sprache aufgenommen
worden. Es pafst auch nur in den modernen Staat, in den Volks-
staat hinein. Aber dabei ist wohl zu beachten, dafs Volk und
Staat nicht durchaus dasselbe ist. Das Volk ist bleibende Substanz,
der Staat als diese oder jene Staatsform ist eine veränderliche
Institution. Der Einzelne hat zum Volke ein tieferes Verhältnis
als zum Staate. Das Volk kann man lieben, den Staat nicht, den
kann man günstigen Falls schätzen. Man kann zum Volke in dem
tiefinnigsten Verhältnisse stehen, ohne dafs dies doch zugleich