Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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382 III- Teil. Der theoretisclie Aufbau der sozialen Erziehungslehre.
Menschen Zeit, selbst wenn sie dazu befähigt sind, neben ihren
Berufsgeschäften noch sich schwierigen Studien zu widmen —
und ohne solche kommt man eben der Wissenschaft nicht nahe.
Anders steht es mit der Kunst. Dieselbe wendet sich nicht an
den Verstand, sondern an das Gemüt; sie weckt durch Anschauung
das Gefühl. Darum kann sie durchaus populär sein. Und in der
That gab es ja schon einmal ein hoch entwickeltes Kunstleben,
das doch durchaus populär war, nämlich im alten Griechenland.
Die griechischen Dichter z. B. dichteten ihre Tragödien und
Komödien für alle Bürger, nicht blofs für die Gebildeten. Es
mufste also die Kunst unter den Griechen auf allgemeines Ver-
ständnis rechnen können. Dasselbe gilt auch von der mittelalter-
lichen Kunst; auch diese war eine Kunst für das ganze Volk.
Diese Kunst hatte ihre Wurzeln im Volksleben; sie entsprang aus
dem Handwerk: sie war freies Spiel, welches sich an die hand-
werksmäfsige Arbeit anschlols. Die ganz veränderte Sachlage in
unserer Zeit erklärt sich aus historischen Bedingungen. Es fehlt
unserem Volksleben an Einheitlichkeit. Unser geistiges
Leben ist nicht, wie das des griechischen Volkes, auf dem Boden
unseres Eigenlebens erwachsen; es ist nicht als eine kontinuierliche,
immanente Entwickelung aus unserem Volke hervorgegangen.
Unsere Entwickelung ist diejenige der modernen Völker über-
haupt. Auch haben zwei grofse Stillstände stattgefunden. Der
erste war die Bekehrung zum Christentume, mit welcher eine Hin-
neigung zu dem geistigen Leben des christlich gewordenen Alter-
tumes in Religion und Kultur überhaupt Hand in Hand ging.
Dadurch wurde die bisherige Entwickelung abgebrochen; die Ideale
der heidnischen Vorzeit der europäischen Völker mulsten aufge-
geben werden. Die heldenhafte Tapferkeit der Vergangenheit z. B.
erschien jetzt gar nicht mehr als Tugend; denn das Christentum
predigt ja nicht den Kampf, sondern die Duldung. Nach und
nach assimilierte sich jedoch das Christentum dem inneren Leben
des Volkes, und es kam zu einer neuen Bildung. In der gotischen
Kunst sehen wir die Verschmelzung altgermanischer und christ-
licher Ideen vollzogen. Da erfolgt in der Renaissance die Be-
kehrung zum Altertume; es wird nunmehr wieder das ganze bis-
herige Geistesleben verworfen, sogar mit V^erachtung. Und diese
zweite Unterbrechung ihrer Entwickelung haben die europäischen
Nationen jetzt noch nicht überwunden; das Altertum ist noch
nicht so assimiliert worden, wie im Mittelalter das Christentum:
das Altertum ist nicht so innere Form des Volkslebens geworden.