Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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362 III- Teil. Der theoretisclie Aufbau der sozialen Erziehungslehre.
wachsenen eingeweiht. So ist sie ein frühreifes, selbstquälerisches,
mifstrauisch beobachtendes Kind geworden, das oft mitten in einem
Spiel, bei irgend einer munteren Beschäftigung beiseite läuft und
in untröstliche Thränen ausbricht, wenn plötzlich die Erinnerung
an ein erfahrenes Leid über sie kommt oder die Furcht vor einem
zu erwartenden. Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren fühlt sie bereits,
dafs ihr Leben voll von Schicksalsschlägen hängt, unter denen
sie sich ducken mufs, ohne je hervor zu können. Sie möchte,
diese unbewufste, nagende Sehnsucht quält ihr Herz, Kind sein,
und sie hat doch die Flügel nicht mehr, um mit den Kindern zu
fliegen. ,Wie ein Schatten aus einem Traume, der hoch empor
möchte, angstvoll empor möchte und festgehalten wird von unsicht-
baren Händen, so kommt sich Anny vor.' Welch trostlose, ver-
kümmerte und vergiftete Jugendzeit ohne Frohsinn, ohne Schwung-
kraft, ohne Lebensfreudigkeit, voll ständiger banger Furcht und
Erwartung. Aus solchem Kinde wird ein Misanthrop, der sich
mühsam und verbittert durchs Leben schleppt, sich selbst zur Qual
und anderen nicht zum Nutzen.
Zudem ist zu sagen, dafs Frühreife nicht besonders günstige
Schlüsse für die spätere geistige Entwickelung zuläfst. Allerdings
kann der Einflufs, welchen sie im allgemeinen auf die spätere Ent-
wickelung hat, mit Bezug auf die Intelligenz nicht mit Sicherheit an-
gegeben werden. Jedoch lassen sich aus anderen, der Beobachtung
leichter zugänglichen Gebieten Schlüsse ziehen. So sagt Galton mit
Bezug auf die Resultate gewisser Tabellen über die Körperlänge der
männlichen Bevölkerung: „Frühreife ist im allgemeinen von keinem
Vorteil für das spätere Leben, ja sie kann entschieden zum Nach-
teil gereichen. Sicherlich bleibt die Schar der Frühreifen nicht
während des ganzen Verlaufs der Entwickelung an der Spitze; es
kommt vor, dafs sie geradezu zurückbleiben, sodafs viele von denen,
die im Alter zwischen 14 und 16 Jahren in den statistischen
Tabellen an sehr niedriger Stelle stehen, in späteren Jahren sehr
hoch hinaufrücken.* *) Ausnahmen kommen natürlich vor, und
besonders ist ja aulserordentliche Frühreife nicht selten unter den
Personen von enorm hoher Intelligenz und genialer Veranlagung
zu finden, wofür Mozart ein schlagendes Beispiel ist.
Beachtenswert ist fernerhin, dafs man, wie man das Kind nach
Möglichkeit vor physischen Traumen, Fall, Schlag oder Stöfs, be-
wahrt, auch psychische Traumen, Schreck, Furcht und Angst,
*) Man vergleiche: „Report of the Anthropometric Comittee of the
Britisch Association." 1881.