Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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274 III- Teil. Der theoretisclie Aufbau der sozialen Erziehungslehre.
gesetzt wird. Nun haben wir schon früher gesehen, dafs eine
solche schlechterdings nicht als vorhanden angenommen werden
kann: in der Erfahrung ist sie uns keinesfalls gegeben, ebenso-
wenig ist sie erschliefsbar auf Grund der Thatsachen der Erfah-
rung, und endlich liegt keinerlei Grund zu ihrer hypothetischen
Setzung vor. Eine Psychologie, die von dieser Voraussetzung
ausgeht, fällt daher in sich selbst zusammen und mit ihr dann
naturgemäfs auch der darauf aufgeführte pädagogische Bau.
Wir können uns also thatsächlich ganz getrost zu der An-
sicht bekennen, dafs die Belehrung, welche sich an den Intellekt
des Zöglings wendet, an sein Vorstellungsleben, dieses bildet,
nicht aber zugleich sein Gemüt: dasselbe ist bildbar durch
Gewöhnung. Die Richtigkeit dieser Ansicht ist durch Be-
obachtungsthatsachen und zwar sowohl durch mittelbare, an anderen
so leicht zu machende Erfahrungen, als auch durch unmittel-
bare ohne viele Mühe zu beweisen. Wenn von der Bildung
des Vorstellens auch diejenige der in Gesinnung und Thun
sich äufsernden Sitthchkeit abhängig wäre, so müfste der in-
tellektuell hochstehende Mensch stets in hohem Grade moralisch
sein. Dann müfste mit der Abstufung der intellektuellen Bildung
auch eine solche der moralischen Hand in Hand gehen. Ich frage
erstens: wie verträgt sich dies mit der Forderung, dafs
alle Menschen, ob sie nun intellektuell hoch oder nur wenig
gebildet sind; ob auf ihre intellektuelle Bildung eine lange oder
eine blofs verhältnismäfsig kurze Zeit verwendet werden konnte,
gleich moralisch sein sollen? Antwort: gar nicht! Ich frage
zweitens: ist wirklich der intellektuell höher Gebildete auch
der moralisch höher stehende Mensch? Antwort: nein! Die Erfah-
rung lehrt hundertfältig, dafs dem keineswegs so ist; sie lehrt uns
tausendfältig, dafs hohe intellektuelle Bildung vorhanden
sein kann, ohne dafs ihr die Charakter-, die Gemüts-
bildung gleichkäme. Ich erinnere nur an Schopenhauer, der
das Mitgefühl in einer geradezu dithyrambischen Weise preist, der
seine grofse Bedeutung vollkommen klar einsah und sich leb-
haft dafür interessierte, es zur allgemeinen Geltung und Aner-
kennung zu bringen — der aber für seine Person die Bethätigung
desselben ablehnte; der sich stets höchst egoistisch, nichts weniger
als mitfühlend und mitleidig zeigte. Es lag das eben an seiner
Charakteranlage, an der alles Studium, alle Erkenntnis, alle Er-
leuchtung des Intellektes, aUe Bildung des Vorstellens nichts
ändern konnte, weil es ihm in seiner Jugend an der erforderlichen