Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
Bekijk als:      
Scan: Afbeeldinggrootte:
   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Vorige scan Volgende scanScanned page
§ 29. Häusliche und öffentliche Erziehung. 271
Weiterstreben antreibt. Gewifs ein schönes Ziel, dem man seine
Billigung nicht versagen kann; das der Jugend-Bildner immer vor
Augen haben soll. Aber, das ist nun die weitere Frage, was hat
dieses strebende, dieses hungrige und durstige Wissen mit der
Tugendhaftigkeit zu thun? Ist es wirklich, wie Herbart behaup-
tet, deren Grundlage? Ganz und gar nicht, hier ist der Punkt,
wo der Irrtum beginnt; zwischen vielseitigem Interesse und
Tugend, zwischen strebendem Wissen und Sittlichkeit besteht
keine Proportion. Wer eine solche annimmt, der verwechselt,
um mit Kant zu reden, Legalität und Moralität, das Handeln
aus Klugheits-Rücksichten und das Thun aus wahrhaft sittlichen
Motiven miteinander; der nimmt den Schein der Tugend-
haftigkeit für die Tugend selbst. Und das konnte Herbart
passieren, den seine Jünger doch als den Vollender Kants auf dem
Gebiete der Ethik preisen! Allerdings; denn wohl ist er wie der
grofse Königsberger Philosoph der Ansicht, dafs der gute WiUe
allein einer That den Stempel der Sittlichkeit aufpräge, aber nicht
ist ihm wie jenem der Wille der (unveränderliche) Kern der
Wesenheit des Menschen. Sondern er erblickt ja darin nur eine
Modifikation des Vorstellens; wurzelt doch ihm zufolge, wie wir
sahen, das Wollen im Gedankenkreise. So kehrt er mit einem küh-
nen Satze zu der Anschauung des Altertums zurück, zu der An-
schauung nämlich, dafs die Tugend lehrbar sei: von der Bildung
des Vorstellens soll die des Charakters abhängig sein; wem es
an jener fehlt, dem mangelt auch diese. „Stumpfsinnige", sagt
er, „können nicht tugendhaft sein"; unter Stumpfsinnigen aber
versteht Herbart nicht etwa Idioten, sondern blofs Menschen von
beschränktem Gesichtskreis, noch genauer solche, welche nicht
alle die Interessen kennen und haben, die es giebt, z. B. das
empirische, spekulative, ästhetische, religiöse, sympathische und
soziale Interesse. Nun glaube ich allerdings nicht, dafs man
bei einem Bauern etwa grofses ästhetisches oder gar spekulatives
Interesse finden dürfte; deshalb also soll derselbe nicht so moralisch
sein können wie ein grofser Künstler oder ein grofser Gelehrter!
Dadurch soll sein Mitgefühl, auf dem allein doch das beruht, was
wir Moralität, was wir tugendhafte Gesinnung nennen, irgendwie
beeinträchtigt werden! Ich glaube es nicht, und es glaubt das
auch kein anderer unbefangener, nicht in Vorurteilen und vor-
gefafsten Meinungen steckender Mensch, und wir glauben das mit
Recht nicht.
Also das, was man als Moralität, als Tugendhaftigkeit be-