Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 29. Häusliche und öffentliche Erziehung. 261
gebildet werden, und eine solche ist blofs innerhalb der Familie
möglich, nicht in der Schule. Denn in dieser bringt der Zög-
ling täglich nur wenige Stunden zu, und aufserdem kann der
Lehrer dem Einzelnen seine Aufmerksamkeit blofs in sehr be-
schränktem Mafse widmen, da er ja eine ganze grofse Schar von
Kindern zu leiten hat. Mit anderen Worten: der Lehrer kann
nur wenig bei seiner Thätigkeit individualisieren; aber
gerade darauf kommt bei der Charakterbildung aufserordentlich
viel an, spielt doch hier das Gefühlsleben des Menschen eine sehr
grofse Rolle, und Gefühle sind in eminentem Grade subjektiv.
Zudem kann der Lehrer bei der Kürze der Zeit, die er die Schüler
um sich hat, und bei der beträchtlichen Anzahl von Schülern,
die seiner Obhut anvertraut sind, zu einer so genauen Kenntnis
ihrer Individualitäten, wie sie für tiefer gehende Charakterbildung
durchaus erforderlich ist, unmöglich gelangen. Das Mittel, zu
welchem man in neuester Zeit vielfach seine Zuflucht genommen
hat, und das man mit viel Emphase anpreist, nämlich die sogen.
Durchführung der Schulklassen, ist ja allerdings geeignet, eine
bessere Kenntnis der Individualitäten seiner Schüler dem Lehrer
zu verschaffen und ein intimeres Verhältnis zwischen beiden Teilen
herzuteilen; aber in allem anderen, was der Charakter bildenden
Wirksamkeit des Schulerziehers hindernd im Wege steht, wird
doch dadurch nicht das Allermindeste geändert. Auch ist zu be-
denken, dafs diese Durchführung der Schulklassen ihre Grenzen hat;
so ist z. B. nicht jeder Lehrer gleich gut geeignet für den Unter-
richt der Inzipienten und der fortgeschritteneren Schüler u. dgl. m.
Und die aus der Beherrschung des so verschiedenartigen und um-
fänglichen StoiTes für den Lehrer sich ergebenden Schwierigkeiten
sind wahrlich ebenfalls nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.
Ferner: wäre es auch wirklich dem Schulerzieher möglich, indi-
viduell zu wirken, und hätte er auch die redliche Absicht, es zu
thun, so würde er diese Absicht doch kaum ausführen können,
um so weniger, je ausgeprägter sein eigener Charakter ist. Jeder
Mensch, der in irgend einer Weise zur Leitung anderer, fremder
Menschen berufen ist, liebt es, sich in die Rolle des Prometheus zu
versetzen und wie dieser Heros bei Goethe zu sprechen: „Hier sitz'
ich, forme Menschen nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir
gleich sei!" Mehr oder weniger unbewufst, aber ganz sicher,
würde er alle seine Zöglinge nach der Schablone umzuwandeln sich
bemühen, die er in sich selbst trägt, anders geartete Charakter-
anlagen nicht gelten lassen, und das wäre keineswegs von Vorteil