Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 27. Die Triebkräfte des Gemeinschaftslebens. 237
hervorzurufen, den Heranwachsenden dahin zu führen, dafs er sich
fühlen lernt, ihm die Kraft zu geben, den Feuerfunken des
Lebens aus sich heraus zu schlagen. Denn blofs solche
freie Menschen, solche gewissermafsen sich selbst schaffende Per-
sonen sind vollkommene Glieder der Gesellschaft und vermögen
allein den Menschheitszweck voll zu erfassen und zu erfüllen.
„Personalistisch" will und mufs die Kultur-Pädagogik sein
so gut wie die Stirners, die er unter dem Titel „Das un-
wahre Prinzip in der Erziehung" dereinst in den Beiblättern
der alten „Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und
Gewerbe* vertrat, nur aus anderen Gründen, zufolge der Ver-
schiedenheit der ursprünglichen Voraussetzungen, der fundamen-
talen Uberzeugungen, der Weite des Erfahrungskreises und der
Fülle des Thatsachenmaterials.
In einer gewissen Hinsicht mufs sogar die neue Erziehung
an „Personalismus" noch die alte überbieten: sie mufs nämlich
nicht nur aus einem kleinen Bruchteil eines Volkes „Personen"
zu machen bestrebt sein, sondern das ganze Volk umfassen.
Bei dem gegenwärtigen Stande der Erziehung steht eine kleine,
eine verschwindend kleine Minderzahl von hochentwickelten, fein-
empfindenden, allseitig ausgebildeten Menschen einer grofsen, einer
erdrückend grofsen Masse von Leuten gegenüber, die in ihrem
Denken und Fühlen und demgemäfs in ihrem Wollen und Handeln,
die in ihren Trieben und Instinkten, ihrem Empfinden und Vor-
stellen Zeit ihres Lebens unentwickelt bleiben, sich kaum über die
Stufe von Barbaren erheben. Wir können getrost sagen, dafs bei dem
gegenwärtigen Stande der Erziehung Kultur überhaupt nicht erreich-
bar ist als allgemeiner Volkszustand: die europäischen Kultur-
völker sind eigentlich noch gar keine Kultur-, sondern
noch immer Barbarenvölker; denn 95"/o der Menschen sind
ja noch gar nicht wirklich kultiviert und werden auch nicht kulti-
viert. Aus diesem entsetzlichen Mifsverhältnis ist, wie schon früher
einmal berührt wurde, die Dekadenz, die Müdigkeit erwachsen, von
der alle Gebildeten, am meisten die höchst Gebildeten befallen
sind. Diese mit ihrer höchst entwickelten Individualität, mit ihrem
reichst entfalteten „ Personalismus" fühlen und müssen sich auf
Schritt und Tritt gehemmt, behindert, eingeengt fühlen von dem
Gebaren der rohen Massen, die wie ein zäher Teig sich um sie
herum lagern und sie ihrer Schaffenskraft und Schaffenslust be-
rauben, da sie die Früchte des Schaffens der Gebildeten gar nicht
zu geniefsen imstande sind, dieselben gar nicht zu würdigen ver-