Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: https://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 25. Die Kultur als Produkt des Gemeinschaftslebens. 213
noch nicht so voneinander geschieden wie jetzt, und auch sogar
heutzutage greifen sie, namentlich sofern Recht, Sitte, Sittlichkeit
in Betracht kommen, noch vielfach ineinander über. Ja, anfäng-
lich umfafste und stellte in entsprechenden Handlungen die Sitte,
vielfach in religiösen Vorstellungen und Kulthandlungen wurzelnd
und überhaupt mit der Religion aufs engste zusammenhängend,
geradezu alle Idealität des Lebens dar, wie wir dies bei primitiven
Völkerschaften noch beobachten können. Die Trennung, derzu-
folge die Sitte als ein für sich Bestehendes neben der ausgebil-
deten Religion, der vollbewufsten Moral und dem kodifizierten
Rechte einhergeht, hat sich nur ganz allmählich und langsam
vollzogen; wir vermögen diesen Prozefs in der Geschichte der
Menschheit mit ziemlicher Deutlichkeit zu verfolgen. Ganz all-
mählich verfestigte sich zunächst ein Teil der Sitte im Staate
zum Recht, während anderes ausschliefslich dem religiösen Gebiete
anheimfiel, z. B. in Rom, ,wo göttliches und menschliches Recht,
fas und jus scharf geschieden auseinandertratenAm spätesten
löste sich das Sittliche von der Sitte los; ja, bei den Römern
konnte sich überhaupt die Moral noch nicht gänzlich von den
mores trennen, und unser deutsches W^ort zur Bezeichnung des
Moralischen weist ja ebenfalls darauf hin, dafs zwischen Sitte und
Moral nicht nur ehedem ein besonders inniger und nicht nur ein
sehr langdauernder Zusammenhang bestanden hat, sondern dafs
derselbe auch jetzt noch nicht vollständig aufgehört hat und ver-
schwunden ist. So ist ja in dem Verhältnisse von Mann und
Weib Sitte und Sittlichkeit bis zur Stunde noch nicht geschieden.
„Sich in diesem Punkte vergehen gegen den Sittenkodex, wie ihn
die Bedürfnisse oder Vorurteile der Gesellschaft geschaffen haben,
heifst einfach unsittlich sein; das Anstöfsige und Unanständige wird
hier sofort zum Unmoralischen", bemerkt Theobald Ziegler ein-
mal sehr richtig in seiner trefflichen kleinen Schrift „Sittliches
Sein und sittliches Werden." So hat sich erst im Laufe der
Geschichte die ursprüngliche, ungeschiedene Einheit, die Sitte als
Gesamtsumme aller Normen, welche das Leben der Menschen
regulierten und in Gesetzesform bestimmten, differenziert, wozu
die fortschreitende Entwickelung des Gemeinschaftslebens die Ver-
anlassung gewesen ist.
Zuerst zweigte sich also von der Sitte das Recht ab als ein
besonderes Gebiet eigenartiger Normen, ein Vorgang, an welchem
wir am besten und am deutlichsten den differenzierend wirkenden
Einflufs des fortgeschritteneren Gemeinschaftslebens wahrnehmen