Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
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   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
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noch nicht völlige Heilung, bis endlich nach zwei Jahren der Gebrauch der S-'e-
bäder in seiner Vaterstadt Danzig ihm volle Gesundheit und den alten Frohsinn
wiedergab. Bald darauf vermählte er sich mit der Tochter seiner Halbschwester
und siedelte sich mit ihr 1844 nach Dresden üb^r, wo er im glücklichen
Familienleben, in weitem Kreise geachtet und geliebt bis zu seinem Tode lebte,
der ihn infolge einer Adergeschwulst und zum Schmerze seiner Kunstgenossen, wie
aller Freunde der Poesie am 7. Februar 1852 in voller Thätigkeit überraschte.
Reinick war wie sein Kunstgenosse Kopisch eine durch und durch leb^ns
frohe, heitere und kindliche Dichternatur; und der Grundton aller seiner Lieder
ist darum auch Humor und Naivetät, die sich bei ihm wie bei allen ähnlich or-
ganisierten Naturen aufs lieblichste mit einander vereinigen.
Gleich dem Vöglein im Lenz, frei und ungezwungen, aus voller warmer Sän-
ge; brüst läl'st er seine frischen, süfsen Weisen ertönen; und wie er so von aller
Reflexion und Gedaukenhascherei fern ist'Und sich ganz dem Drange seiner
glücklichen Natur hingibt, so nennt er sich auch mit Recht einen lustigen
Vogel, der ohne alles Grübeln in die Welt hineinjauchzt, was sich in seinem
Herzen regt. Bei all dieser Heiterkeit und Lebenslust aber, die öfter bald an
schalkhaften Übermut, bald an leichte Tändelei anstreift, fehlt ümi doch auch
jene ernste Seite nicht, die in allen humoristischen Naturen durchklingt und ihra
insbesondere einen leisen Anflug des sanft Elegischen verleiht, Mitton unter
den Liedern des Scherzes und des frischesten Humors tönen deshalb bei ihm nicht
selten Klänge hindurch, die den Leser in eine feierlich rührende Stimmung ver-
setzen, und bisweilen sind diese so herzig ergreifend, vor allem da, wo er den
Frieden der Natur schildert, dafs man nicht weil's, ob man den Dichter mehr seiner
lachenden Heiterkeit, als seines lächelnden Ernstes wegen heben soll
Die meisten seiner Lieder haben etwas überaus Lcichtes, Gefälliges, Muntere»
und Klangreiches, und ihr ganzer Bau, ihr ziirliches Reimgebäude, ihr Wechsel
von kurzabgebrochenen und langgezogenen Zeilen, ihr Reichtum au refrainartigen
Schlagwörtern erinnert unwillkürlich an den Lerchentriller und Nachtigallenschlag
und macht es hinlänglich begreillich, dafs viele namhafte Komponisten, wie
Marschner, Reissiger, Kücken, Spohr, Lindpaintner, ihnen
80 gefällige, liebliche Melodien unterlegen konnten. So sind die meisten seiner
Lieder durch und durch musikalisch; "und doch können sie in AulTassung
und Darstellung auch wiederum den Maler nicht verleugnen; denn in fast jedem
ist ein pittoresker Moment zu finden, fast aus jedem taucht ein naives üenrebild-
chen oder eine phantastische Arabeske vor der Saele des verständnisinnigen Lesers
auf; und darum ist es denn auch andrerseits nicht zu verwundern, wenn mit
der Musik zugleich die Zeichenkunst wetteiferte, diese Lieder ins Publikum
einzuführen, und die berühmtesten Maler, ein Lessing, Bendemann. Scha-
dow, Schrödter, Acnenbach, Sohn u. a., sie mit den sinnigsteii
Randzeichnungen ausstatteten.
Wir können es nicht unterlassen, hier ein Gedicht von ihm mitzuteilen, wel-
ches eine treffende Selbstschilderung enthält und so am besten das Lebensbild
abschlielst. Es ist das »Dichtergebet":
0 Herr, der du der Quell des Lebens bist,
Du weisst es, was in mir des Lebens ist