Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
Bekijk als:      
Scan: Afbeeldinggrootte:
   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Vorige scan Volgende scanScanned page
85
Wir sehen von allem, was Herder gelehrt, bei S c h i 11 e r das totale Gegen-
teil ! Herder sagte: So individuell als möglich, Schiller: So
allgemein als möglich.
Herder kannte keinerlei Beschränkung der Stoffe, für Schiller gab es eine
eigentümliche Seelenlage, die »undichterisch" gescholten wurde. Herder ver-
langte, dafs der Dichter in deutscher Erde, in der Gegenwart wurzle, Schiller
predigte die Flucht in ein abstraktes ideales Reich der
Schönheit. Auch den oben von Schiller fast in Shakespeares Worten aufge-
stellten allgemeinen Begriff des grofsen Dichters fafste er nicht in Herders Sinn
auf, sofern er eine Veredlung, Läuterung, d. h. Idealisierung zur reinsten, herr-
lichsten Menschheit verlangt, — eine allgemeine Humanitätspoesie, entgegen dem
Nationalitätsprinzip der Dichtung.
Diese Schiller'schen Dogmen wirken noch immer, wie denn Goedeke in sei-
nem literargeschichtlichen Quellenwerk sagt: »B ürger führte wie G ü n th er
die Poesie wieder aus dem Konventionellen zum Leben, gab das Beste was er
gab als Ausdruck wirklicher Lebensstimmungen, aber sein Leben
selbst war ohne reine Poesi e."
Es gibt aber nur eine Poesie und sie enthält das ganze volle wirkliche
Menschenleben. Die Poesie ist gleich jenem Tuch des Evangeliums, in welchen
reine und unreine Tiere vom Himmel herabgelassen wurden.
Es ist erfreulich," dafs Bürger seine Dichtung selbst sehr zutreffend gegen
jene in jedem Sinne unästhetische Recension verteidigte («Vorläufi-
ge Antikritik und Anzeige" in derselben allgemeinen Literaturzeitung
von 1791), indem er über den Hauptpunkt ungefähr sagte:
dAus einer höheren Sphäre ist ein reiner und vollkommener Kunstgeist her-
untergestiegen .... Er verkündet: eins der ersten Erfordernisse des Dichters ist
Idealisierung, Veredlung (ob dies wohl Synonyme sein sollen?), ohne welche er
aufhört, seinen Namen zu verdienen. Nun aber vermifst er bei mir diese Ideali-
sierung .... So poetisch die meisten Gedichte an Molly nach Diktion und Vers-
bau gesungen sind, so unpoetisch sind sie empfunden.... Nämlich
nicht meine, nicht irgend e i n e s sublunarischen Menschen wahre, natür-
liche, eigentümliche, sondern idealisierte, das ist keines sterblichen
uns wirklich einen Unterschied zwischen beiden anzuerkennen. Das erste wäre,
wenn der Dichter eine vorübergehende Gelegenheit ergreift und sie glücklich be-
handelt; das zweite, wenn er einen Umstand glücklich zu benutzen weifs.
Dem Anschein nach sollte man das erste vorziehen, weil etwas Flüchtiges, Le-
bendiges der Dichtung höchst willkommen sein mufs. Da sich aber die
Poesie nichts vorschreiben läfst, so hängt es nur von ihr ab, auch
etwas Beständiges zu Ehren zu bringen. Vielleicht ist niemandem dieses besser
gelungen als Herrn B 6 r a n g e r. (Auswärtige Literatur und Volkspoesie).
So wird Bürger am Schlüsse aufgefordert, »sich selbst zu vollenden, um
etwas Vollendetes zu leisten und so die Krone der Klassicität zu erringen" : wäh-
rend derselbe Schiller zwei Jahre voi'her an seine Frau geschrieben, Bürger,
den er kennen gelernt, scheine ein gerader, guter Mensch, aber der Frühling
seines Geistes sei vorüber.