Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
Bekijk als:      
Scan: Afbeeldinggrootte:
   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Vorige scan Volgende scanScanned page
84
1
Zeit gestalten und das Jahrhundert in einem Abdruck zeigen," den er völlig ver-
kehrt auch auf alle Klassen der lyrischen Dichter anwendet. Ein wirklicher Dichter
der nichts thut als seine eigenen Leidenschaften mit künstlerischer Weihe
darstellt, ist darum immer ein Dichter, wenn er auch nicht zu jenen ersten Ranges
zählt, aus deren Werken eine Weltanschauung resultiert.
L e s s i n g, argumentierte Schiller weiter, habe dem Tragödiendichter
zum Gesetz gemacht, keine Seltenheiten, keine streng individuellen Charaktere
und Situationen darzustellen: dies gelte noch weit mehrvomlyri-
s c h e n D i c h t e r. Er müsse sich einer gewissen Allgemeinheit in den
Gemütsbewegungen um so mehr befleifsigen, je weniger er sich über das
Eigentümliche des Anlasses verbreiten könne und dürfe. Das Individuelle und
Lokale müsse zum Allgemeinen erhoben werden. Bürgers Gedichte an Mol-
1 y seien nun Produkte einer solchen ganz eigentümlichen Lage und das davon
unzertrennliche U n i d e a I e störe den Genufs. Denn der Dichter müsse sich
von der Gegenwart loswickeln und frei und kühn in die Welt der
Ideale emporschweben. Er müsse den Gegenstand seiner Begeisterung von seiner
Individualität loswickeln. Die Bürger'schen Gedichte seien aber nicht blofse Ge-
mälde einer eigentümlichen (und sehr undichterischen) See-
lenlage, sondern auch offenbar Geburten derselben. Mitten im Schmerze dürfe
man denselben aber nicht besingen, sonst sinke die Empfindung von der idealen
Allgemeinheit zur unvollkommnen Individualität hinab. —
Von dem berühmten »Hohen Liede" urteilte Schiller daher, es sei »ein sehr
vortreffliches Gelegenheitsgedicht, dessen Entstehung und Be-
stimmung man es allenfalls verzeiht, wenn ihm die idealische
Reinheit und Vollendung fehle, die allein den guten Geschmack be-
friedigt."
Es scheint fast, dafs Goethe diesen Satz vor Augen hatte, als er in »Wahr-
heit und Dichtung" schrieb: »Das Gelegenheitsgedicht, die erste und
echteste aller Dichtarten, ward verächtlich auf einen Grad, dafs die
Nation noch i'etzt nicht zu einem BegriflT des hohen Werts desselben gelangen
kann." Wie er denn von seinem Gedicht »Die Harzreise" bekannte: es sei
sehr schwer zu entwickeln, weil es sich auf die allerbesondersten
Umstände beziehe; und im Jahre 1823 zu Eckermann sich vernehmen liefs:
»Die Welt ist so grofs und reich, und das Leben so mannig-
faltig, dafs es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird.
Aber es müssen Gelegenheitsgedichte sein, das heifst: die
Wirklich he it mufs die Veranlassung und den Stoff dazu
hergeben. Allgemein und poetisch wird im speciellenFall
eben dadurch, dafs ihn der Dichter behandel t. Alle meine Gedichte
sind Gelegenheitsgedichte) sis sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben
darin Grund und Boden. Von Gedichten, aus der Luftgegriffenthalte ich nichts.''
*) An einer andern Stelle spricht sich G o e t h e über Gelegenheitsgedichte
folgendermafsen aus :
»Wenn wir im Deutschen Gelegenheitsgedicht sagen, so pflegen sich
die Franzosen mit Poésies de circonstance auszudrücken. Dies veranlafst