Boekgegevens
Titel: Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
Auteur: Schwippert, P.A.
Uitgave: Haag: Henri J. Stemberg, 1881
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: Obr. 8058
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_201841
Onderwerp: Taal- en letterkunde naar afzonderlijke talen: Duitse letterkunde
Trefwoord: Literatuur (fictie en non-fictie), Duits, Gedichten (teksten), Leermiddelen (vorm)
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   Deutsche Poesie für Gymnasien und Realschulen
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Einen fast noch höheren Wert müssen wir Bürgers Lyrik zugestehen, nur
mufs man es bei ihm noch entschiedener als bei manchem anderen Dichter fest-
halten, dafs man diese Lieder in ihrer ersten Gestalt liest, bevor die spätere Be-
arbeitung den ursprünglichen frischen Duft und Keiz von ihnen fortkünstelte.
Dann finden wir in ihnen, zumal in den Liebesliedern, diesen Duft und Reiz,
eine Tiefe der Empfindung, eine glückselige Heiterkeit, einen Wohllaut des Ver-
ses, die sie dem schönsten an die Seite stellen, was wir besitzen.
Der arme Bürger, dem das Leben schwerer bettete, als irgend einem andern,
weifs ni c hts v o n d em ge m ac h t e n Weltschmerz undali dem
eingebildeten Herzensjammer, die später auch unsre Poesie zu einem
Jammerthal gemacht haben, und wo einmal die Klage laut wird, ist auch sie voll
Wahrheit und ein echter Schmerzenston des Herzens.
Obwohl von Krankheit u. Sorgen verzehrt, vereinsamt und mifsachtet, verdüstert
und gebeugt, bis zum Verhungern, vermochte er noch in dem Sonett »An das
Herz" das eigene Schwanenlied zu singen, so rührend schön, wie es nur den
Auserwählten vergönnt ist:
Lange schon in manchem Sturm und Drange
Wandeln meine Füfse durch die Welt,
Bald den Lebensmüden beigesellt
Ruh ich aus von meinem Pilgergange.
Leise sinkend faltet sich die Wange,
Jede meiner Blüten welkt und fällt.
Herz, ich mufs dich fragen: Was erhält
Dich in Kraft und Fülle noch so lange?
Trotz der Zeiten Despotenallgewalt
Fährst du fort, wie in des Lenzes Tagen
Liebend wie die Nachtigall zu schlagen.
Aber auch Aurora hört es kalt
Was ihres Titons Lippen Holdes sagen —
Herz, ich wollte, du auch würdest alt.
schönem Ausdruck, >iimmer Bürge r's Kleinod, der kostbare Ring,
wodurch er sich der Volkspoesie, wie der Doge von Venedig
dem Meere, für immer antraute.*' Nur dafa unter dem Ausdruck »Volks-
poesie" nicht die Anfänge derselben allein, von denen Herder freilich hauptsäch-
lich gehandelt, zu verstehen sind. In jenen primären Naturlauten zeigt sich zwar
die Individualität eines jeden Volks, das subjektive Element im grofsen, aber
abgesehen von dem häufigen Übergang solcher üranfangsdichtung in das blofs
Musikalische, tritt hier die Individualität des einzelnen Verfassers, zurück. Bürgers
Lenore und die andern Hauptballaden sind zugleich echt volksmäfsig, d. h.
nationaldeutsch, vom englischen Charakter wesentlich verschieden, und zeigen
überall im Hintergrunde die Individualität des denkenden Kunstdichters. Beides
gilt von seinen andern lyrischen Gedichten in gleichem Mafse".
(Eduard Grisebach).