Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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72 I- Teil. Die pädagogischen GrundhegriiFe.
Staat und Gesellschaft. Aufserdem kommt freilich noch ein
anderer Grund hier in Betracht. Man hat das 19. Jahrhundert
das historische genannt, und man erblickt darin einen grofsen
Vorzug. Wie jedes Ding so bat aber auch dieses seine zwei
Seiten; und ich möchte hier gerade einmal energisch auf die
Kehrseite hinweisen. Die historische Forschung in allen Ehren
— aber man darf dieselbe nicht zur Hemmung des Fortschrittes
benutzen, wie dies jetzt allenthalben geschieht, nicht immer nur
aus böser, bewufst reaktionärer Absicht, sondern sehr oft deshalb,
weil man sich dadurch den Blick für die Gegenwart getrübt hat.
Man bleibt in der Tradition stecken, ohne auf den Geist des
Fortschrittes Rücksicht zu nehmen. Man sagt, dals sich alles
gerade so, in derselben Richtung wie bisher weiterentwickeln
müsse. Hat mau denn keine Augen für die riesige Umwälzung in
der Weltanschauung, welche sich in den letzten Jahrzehnten voll-
zogen hat, und die wir den Naturwissenschaften verdanken? Es
ist das eine Umwälzung, welche thatsächlich den Anbruch einer
ganz neuen Kulturära bezeichnet, die vielfach durch eine grofse
Kluft von der früheren getrennt sein wird. Natürlich vollzieht
sich die Änderung im praktischen Leben sehr viel langsamer als
in der Theorie, als im Denken und Hoffen der Menschen. Durch
die Vererbung während so vieler Generationen befestigte Lebens-
gewohnheiten können nicht ohne weiteres beseitigt und durch
andere ersetzt werden; dazu gehört vor allen Dingen eine
Änderung des sozialen Milieus. Nun ist eine solche aber eben-
falls infolge des Aufschwunges der Naturwissenschaften als ganz
sicher über kurz oder lang anzunehmen. Die immer vollkommener
gewordene und noch fort und fort vollkommener werdende Be-
herrschung der Naturkräfte hat die Technik, die Industrie, den
Handel und Verkehr und mit alledem das Wirtschaftsleben der
Kulturvölker bereits so gründlich umgestaltet und wirkt auf die
ökonomischen Lebensbedingungen noch beständig in einer Weise
modifizierend ein, dafs schreiende Notstände vorhanden sind, welche
naturgemäfs die Betroffenen mit aller Energie nach ihrer Ab-
stellung zu streben veranlassen. Da die Zahl derselben unaufhalt-
sam im Wachsen begriffen ist und ihnen aus den Reihen der nicht
direkt Betroffenen, deren verfeinertes Gerechtigkeitsgefühl sich gegen
das herrschende Wirtschaftssystem auflehnt mit seiner Kapitalan-
häufung auf der einen und seiner Schaffung bitterer Not auf
der anderen Seite, mit seiner Tendenz, einige wenige immer mehr
zu bereichern und die grofse Masse des Volkes zu proletarisieren,