Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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598 IV. Teil. Kinderscliutz und Volkserzieliung.
Häufig hört man überhaupt ganz allgemeinhin die Meinung
äulsern, dafs es eine im höchsten Grade tadelnswerte Erscheinung
unserer Zeit sei, dafs viele meinen, ihre Pflicht schon hinreichend
gethan zu haben, wenn sie humanitäre Bestrebungen unterstützen
und nicht bereit sind, auch für die wirtschaftliche und politische
Besserstellung der breiten Massen einzutreten. Dafs dem so ist,
das ist ganz unzweifelhaft richtig, und ich bin der Letzte, der es
leugnen möchte. Aber ich kann nicht ohne weiteres in das Ver-
dammungsurteil über solche Leute einstimmen. Noch mehr: ich
finde dieses Verdammungsurteil ungerecht; sicherlich ist es un-
psychologisch. Man mufs, um das Thun und Lassen der Menschen
zu beurteilen, erst einmal es zu verstehen suchen. Dabei fällt
das Verurteilen keineswegs ganz weg; aber es wird bedeutend ein-
geschränkt. Das Denken der heutigen Menschen steht unter der
Suggestion einer vielhundertjährigen Kulturentwickelung und ihrer
praktischen Konsequenzen, wie sie in Staat und Gesellschaft, wie
sie in der ganzen bestehenden sozialen Organisation zu Tage treten.
Man kann nun nicht erwarten, dafs alle Menschen sofort diese
Suggestion unter dem Einflüsse dessen, was da langsam im Wer-
den begriffen ist, überwinden. Diejenigen, welche unter der be-
stehenden Ordnung der Dinge besonders fühlbar leiden, sind natur-
gemäfs eher und schneller bereit, sich zu emanzipieren. Aber die
Erfahrung lehrt ja, dafs auch hier die Sache nur sehr allmähliche
Fortschritte macht; von Deutschlands Arbeiterbevölkerung gehören
höchstens 25 "/o zu den zielbewufsten, organisierten Arbeitern,
welche ihre ganze Energie an die Lösung der Aufgabe wirtschaft-
licher und politischer Besserstellung setzen. Angesichts dieser
Thatsache darf man doch erst recht nicht von denen, welche unter
den bestehenden Verhältnissen weniger leiden, oder welche gar
daraus alle nur möglichen Vorteile ziehen, erwarten, dafs im
Vordergrunde ihres sozialen Pflichtbewufstseins die Aufgabe stehe,
der breiten Masse des Volkes zu wirtschaftlicher und politischer
Besserstellung zu verhelfen. Solche Erwartung wäre unpsycholo-
gisch und ist somit unberechtigt. Und ferner ist es auch unbe-
rechtigt, wenn man daraus, dafs das angedeutete soziale Pflicht-
bewufstsein in den „bürgerlichen" Kreisen noch so schwach vor-
handen ist, den Schlufs zieht: es wird da sich überhaupt niemals
einstellen. Diesen Pessimismus kann ich nicht teilen, und ich
meine, es sprechen dagegen eine ganze Menge von Anzeichen,
unter anderen auch eben dies, dafs in „bürgerlichen" Kreisen ein
relativ starkes Interesse für Volksbildungs - Bestrebungen erwacht