Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 60. Öfifentliche Lesehallen und Volksbüchereien. 547
zu können. Diese Weiterbildung kann dem Ermessen jedes Ein-
zelnen nicht ganz überlassen -werden, da sonst nur Halbbildung
dabei herauskommen würde. Es mufs vielmehr dafür gesorgt
werden, dafs Einrichtungen vorhanden sind, welche die Übermitte-
lung geeigneter Bildungsstoffe sich angelegen sein lassen. Solche
Einrichtungen sind öffentliche Lesehallen, Volksbüchereien und
Vorträge über alle möglichen Gebiete des Wissens und der Er-
kenntnis.
Zunächst sind es gut geleitete, reich ausgestattete und nicht
von einseitigen, parteilichen Anschauungen beeinflufste Lesehallen
und Bibliotheken, welche aufserordentlich viel zur Verbreitung
einer wahrhaft tüchtigen Volksbildung und damit zur allgemeinen
Kulturentwickelung beitragen. Freilich können solche wie über-
haupt alle auf die Volksbildung und Volkserziehung abzielende
Veranstaltungen nur dann wirklich segensreich und in weitestem
Umfange erfolgreich sein, wenn die materielle Grundlage ge-
schaffen ist, welche ihre Benützung den weitesten Kreisen ohne
nennenswerte Opfer möglich macht: Löhne, welche eine anständige
Lebenshaltung sichern, und hinreichend freie Zeit, bezw. in
humanen Grenzen sich haltende Arbeitszeit, welche keine Über-
bürdung zur Folge hat und noch Mufse genug gewährt, die ge-
botenen Bildungs-Gelegenheiten wahrzunehmen. Ohne diese mate-
rielle Grundlage ist alles, was geschieht, wenngleich nicht wert-
los, so doch jedenfalls von untergeordneter Bedeutung.
Die Volksbildung bezweckenden Bestrebungen der Gegenwart, so
sehr ich sie billige und selbst aufs energischste unterstütze, ver-
mögen blofs sehr geringe Erfolge zu erzielen, wie dies bei der
gegebenen Sachlage nicht anders möglich ist: darüber darf man
sich keinen Augenblick lang irgendwelchen Illusionen hingeben.
Der müde und abgehetzte Fabrikarbeiter, den die Glieder von
seiner übermäfsig langen Fronarbeit schmerzen, dem der Kopf
summt von dem Gerassel der Maschinen, das er zehn bis zwölf
Stunden lang hat anhören müssen, ist froh, wenn er abends zeitig
zu Bette kommt, und hat nicht Lust, sich noch in eine Lesehalle
zu setzen, um Zeitschriften, Zeitungen und Bücher zu lesen. Der
Arbeiter, der nur den kärglichsten und kümmerlichsten Lohn
erhält, der kaum ausreicht, um sich und die Seinigen satt zu machen,
und der ihn zwingt, in einer elenden Keller- oder Dachwohnung
in Schmutz und Unrat zu hausen, der Arbeiter, der sich keinen
auch nur einigermafsen sauberen Anzug anschaffen und halten
kann, hat nicht Lust, Vorlesungen darüber anzuhören, wie be-
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