Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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420 III- Teil. Der tlieoretiaclie Aufbau der sozialen Erziehnngslehre.
Träger aller Bildung überhaupt. Und zudem galt das kirchliche
Leben als die Krone des Lebens, als das vollkommene Leben: die
Kirche war das Höchste; sie stand über Staat und Gesellschaft.
Das hat sich alles vollständig geändert; die Kirche ist in jeder Be-
ziehung von ihrem ehemaligen Piedestal herabgestiegen. Bildungs-
gemeinschaft ist nicht mehr sie, sondern der moderne
Staat, der als nationaler Staat die ganz selbstverständ-
liche Konkretisierung des Begriffes „Gesamtheit" dar-
stellt; der als parlamentarisch organisierter Volksstaat
Besitz- und Wirtschafts-, Rechts- und Bildungsgemein-
schaft, kurz Gesellschaftseinheit, der Repräsentant des
Volksbewufstseins, im besonderen des Volkswillens ist.
Das Leben des modernen Kulturmenschen geht somit im modernen
Kulturstaate auf; das Höchste für ihn ist die Gemeinschaft aller
Kulturstaaten, welche in friedlichem Wetteifer an dem grolsen
Werke der Kulturentwickelung, der ständigen Erhöhung und Aus-
breitung der Kultur arbeiten; sein Ideal ist die Kultivierung der
gesamten Menschheit. Die Kirche ist in seinen Augen etwas
Nebensächliches, ein Faktor von untergeordneter Bedeutung. Man
kann sich ihr anschliefsen oder nicht; man ist und bleibt ein
Vollmensch, ob man es thut oder unterläfst: es ist vollkommen
gleichgiltig, wenn man nur seine Pflichten als Staats- und Welt-
bürger erfüllt. Wie man sein metaphysisches Bedürfnis und ob man
es überhaupt befriedigt oder nicht, ob man ein solches hat oder
nicht, ob man Christ oder Mosaist, Muhammedaner oder Buddhist,
Moralist oder Atheist ist, darauf kommt allgemeinhin nicht das
Geringste an. Der reife Mensch möge sich nach seinem Gutdünken
und Belieben der oder jener Religions-Gemeinschaft anschliefsen
oder sich von jeder fernhalten, das ist seine Privatsache. Der mo-
derne Kulturmensch fordert absolute Religionsfreiheit,
weil er weifs, dafs in dieser Hinsicht alles blofs Gefühlssache
imd Phantasiewerk ist; dals wir über die letzten Dinge nichts
wissen können; dafs die Religion nur eine Randverzierung für
das Leben bedeutet; dafs sie, die Blicke der Menschen auf das
Ewige richtend, nichts zu thun hat und nichts zu thun haben kann
mit den Aufgaben des Menschen als Staats- und Weltbürger, als
Kulturarbeiter. Indem der moderne Kulturmensch die Aufgabe des
Menschen in der Kulturarbeit erblickt, kann er es getrost jedem seiner
Mitarbeiter überlassen, sich die Gründe, warum er ein Kulturarbeiter
sein mufs, so zurechtzulegen, wie es ihn am meisten befriedigt: der
eine betrachtet seine Arbeit als ihm von einem Gott geboten; der