Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 45. Die Zucht. 395
dieselbe herauszubilden, mufs u. a. der Grundsatz beachtet wer-
den, dafs der Erzieher mit den physischen Schmerzen der Kinder
nicht falsches Mitleid haben, sie nicht wegen solcher übermäfsig
bedauern und „verhätscheln" darf. Auch darf man Abneigungen
der Kinder gegen dies und das, gegen Tiere und anderes, sogen.
Idiosynkrasien, nicht zu sehr nachgeben, sondern mufs vielmehr
versuchen, sie darüber hin wegzubringen unter Anrufung ihres
Ehrgefühls. Ein sehr interessantes und lehrreiches Beispiel dieser
Art giebt Lou Andreas-Salome in ihrem Roman „Ruth".
Ruth, die Heldin der Geschichte, wird schliefslich von ihrem Er-
zieher und Lehrer, Erik Matthieux, dahingebracht, ihren Wider-
willen vor Schlangen zu bemeistern und sogar ein solches, natür-
lich ungefährliches Tier anzufassen. Ferner mufs man es den Kin-
dern abgewöhnen, sich über ihre Kameraden zu beklagen, wenn
dieselben einmal bei einem Streite etwas nachdrücklicher geworden
sind, als gerade unbedingt nötig gewesen wäre, ihnen vielmehr
den Rat geben, sich gegebenen Falls kräftig ihrer Haut zu wehren
und sich selbst Recht und Ansehen zu verschaffen. Vor allem
selbstverständlich mufs man es unterlassen, die natürliche Tapfer-
keit des Zöglings selbst zu gefährden, z. B. durch Erzählen von
Schauergeschichten, durch Bangemachen im Dunkeln u. dgl. m. —
Als ideelle Tapferkeit soll, wie erwähnt, die Wahrhaftigkeit
angesehen und bezeichnet werden. Diese im grofsen Stile ist zu
erklären als der Habitus, demzufolge jemand sich in seinem ganzen
Thun und Lassen, in seinem Reden und Urteilen stets zu sich
selbst bekennt, sich selber treu ist. Lügen heifst sich selbst ver-
leugnen, wenn das Bekenntnis zu seinen Worten und Thaten un-
angenehme Folgen haben kann. So aufgefafst kann kein Zweifel
daran herrschen, dafs die Wahrhaftigkeit mit der Tapferkeit zu-
sammenhängt: Lüge ist Feigheit — Wahrhaftigkeit Mut. Leider
ist die Wahrhaftigkeit durch die fortschreitende Zivilisation nicht
in jeder Hinsicht gefordert worden. Unsere Kultur hat leider
eine vielfache innere Verbiegung des Charakters zur Folge gehabt.
Jedoch liegt das nicht so sehr an ihr selbst als vielmehr an dem
einen Teil ihrer Träger. Der Staat bedingt Abhängigkeit und
Gehorsam — ganz sicherlich, aber nur bis zu einer gewissen
Grenze. Die Regierenden hingegen verlangen unbedingten Ge-
horsam, schweigendes sich Fügen, ruhiges, widerspruchsloses sich
Unterwerfen; vielleicht kommt noch dereinst die Zeit, wo sie die
Flüchte dieser ihrer Verblendung ernten werden. Freilich auf
der anderen Seite sind auch die Regierten selbst daran schuld,