Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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390 III- Teil. Der theoretisclie Aufbau der sozialen Erziehungslehre.
genügend Anlals dazu gegeben hat, statt mit Pietät behandelt,
vielmehr kritisiert und getadelt zu werden. Die eigentliche
Zerstörerin der Pietät ist die Selbstsucht, die Selbstsucht
im kleinen wie im grofsen, die Selbstsucht der Erzieher, der Eltern
und Lehrer, wie die der Regierenden. Die Selbstsucht der Eltern
tritt auf als die falsche Zärtlichkeit, der das Kind eine Puppe,
ein Spielzeug ist, als „Affenliebe". Eine andere Form der Selbst-
sucht ist die Eitelkeit, die Schmeichelei-Hascherei. Kinder
aber, welche schmeicheln, verachten auch gleichzeitig, wofür Shake-
speares Drama „König Lear" eine ausgezeichnete Illustration ist.
Jedes echte Gefühl ist schamhaft und läfst sich nicht leicht in Worte
fassen. Mit der Eitelkeit verbunden ist die Sucht, mit den Kin-
dern nach aufsen hin zu prunken. Auch das ist ein unfehlbares
Mittel, die Ehrfurcht aus den Herzen der Kinder zu tilgen. Kin-
dern ist von Natur eine gewisse Blödigkeit eigen; sie wollen sich
nicht gern bewundern lassen, sich nicht gern zeigen und „produ-
zieren". Diese Blödigkeit schlägt aber, wenn man die Kinder
zwingt, in irgend einer Weise hervorzutreten, ihre Künste, Fertig-
keiten und Kenntnisse zu zeigen, schliefslich in Dreistigkeit und
Frechheit um. Aus diesem Grunde sind z. B. auch die
öffentlichen Schulprüfungen zu verwerfen. Mit der starken
Betonung des Faktors der Ehrfurcht oder Pietät soll aber keines-
wegs einer einseitigen Hochschätzung derselben das Wort geredet,
vor allem soll nicht etwa damit eine Lanze für das, was man ge-
wöhnlich Pietät nennt, gebrochen werden. Vor einer solchen An-
nahme bewahrt mich wohl das, was ich ausgeführt habe, schon
hinlänglich. Ausdrücklich möchte ich aber weiterhin noch Fol-
gendes hervorheben. Man mufs genau unterscheiden zwischen
falscher oder sentimentaler und wahrer oder stark-
geistiger, bezw. zwischen beschränkt-egoistischer und weit-
herzig-sozialer Pietät. Die erstere Form der Pietät herrschte
in der Erziehung bisher und zwar besonders in der Mädchenerzie-
hung. Ein klassisches litterarisches Beispiel dafür bietet der Roman
von Gabriele Reuter „Aus guter Familie". Da sehen wir ein
Mädchen vor uns, das verkümmern mufs, weil sein Vater, ein hoher
Regierungsbeamter, von ihm verlangt, da es unverheiratet bleibt,
sich ausschliefslich seiner Pflege und dem Hauswesen zu widmen.
Jedoch dieses ist klein und wird hinreichend besorgt durch eine
alte Magd; und der Pflege bedarf der Mann gar nicht, da er kern-
gesund ist. So hat jenes Mädchen gar keinen wahrhaft das Leben
ausfüllenden, die Kräfte in Anspruch nehmenden Wirkungskreis. Not-