Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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20 I- Teil. Die pädagogischen GrundbegriflFe.
Organismus einen Einflufs auf die phyletische Entwickelung seiner
Deszendentenreihen keineswegs abspricht. Sie trägt durchaus die
Thatsache, dafs auch die individuellen Eigentümlichkeiten vererbt
werden; denn dieselben gehören ja, geradeso wie die generellen
Eigentümlichkeiten, zu dem festen Anlagen-Besitzstande der Keim-
zellen. Das ist in kurzen Zügen das Wesentliche dessen, was
Weismann mit seiner Hypothese der Polarigenesis vertritt, die sehr
leicht fafslich sich in seinem Vortrage „Über die Vererbung"
dargelegt findet, und die wohl gegenwärtig als die annehmbarste
sich empfiehlt. Zu enge Grenzen, wie man vielleicht meinen
könnte, zieht dieselbe der Entwickelung keineswegs, wenn man
sie nur richtig versteht. Denn einerseits setzt sie ja die allge-
meinen menschlichen Anlagen als in den Keimzellen gegeben
voraus, lälst Variationen durch innere und äufsere Ursachen gelten
und proklamiert daher mit jenen auch die Vererbung dieser. Ander-
seits geht sie durchaus nicht darauf aus, die Thatsache zu leugnen,
dafs alle in der ursprünglichen Keimesbeschaffenheit gegebenen
allgemeinen und besonderen Anlagen im Einzelleben durch Übung
gesteigert, ja sehr bedeutend gesteigert werden oder auch gegebenen
Falls verkümmern können, nicht zur Entfaltung zu kommen brauchen,
wenn ihnen keine Gelegenheit zur Übung geboten wird. Das gilt
natürlich auch von dem Talent, worüber ich noch besonders ein
Wort sagen möchte, weil dessen als sicher verbürgt anzusehende
Vererbungsfahigkeit gewöhnlich für die Annahme ins Treffen ge-
führt wird, dafs erworbene Charaktere erblich seien. Das Talent
ist freilich das Resultat der Übung und somit in gewissem Sinne
etwas Erworbenes; aber es ist doch nur erwerbbar auf Grund ge-
gebener Veranlagung, also nichts anderes als mit Hilfe der Übung
erzieltes natürliches Entwickelungs-Produkt. Ein Mensch z. B.
ohne feines musikalisches Gehör wird nie ein guter Musiker werden,
wenn er auch noch soviel übt, wofür ich selbst als Illustration
dienen kann: langjähriger Unterricht und viele Übung haben es
nicht vermocht, aus mir mehr als einen höchst stümperhaften
Violinspieler zu machen. Also um eine im eigentlichen Sinne er-
worbene Anlage handelt es sich auch beim Talente nicht; daher
kann die Talentvererbung keineswegs als Beweis für die Ver-
erbung erworbener Eigenschaften oder Charaktere angesehen werden.
Ja, es kann gar nicht einmal von bestimmter Talentvererbung
mit unbedingter Sicherheit gesprochen werden; denn Talente sind
gar nichts Einfaches, sondern Kombinationen geistiger Anlagen
von oft sehr zusammengesetzter Natur, beruhen nicht auf dem