Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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276 III- Teil. Der theoretisclie Aufbau der sozialen Erziehungslehre.
wie kommt es dann, frage ich, dafs jemand etwas Unrechtes thut,
obwohl er ganz genau weifs, obwohl er einsieht, dafs es Unrecht
ist, wie jener Knabe, jenes Mädchen, von denen ich kurz vorher
sprach? Die Rückkehr der Herbartianer zu der Anschauung
des Altertums, dafs die Tugend lehrbar sei, ist einer ihrer ver-
hängnisvollsten Irrtümer; dadurch öffnen sie der Bequem-
lichkeit, der Trägheit und Lässigkeit in der Erziehung
Thor und Thür. In der That sehe ich in dem überall, ringsum-
her zu Tage tretenden Widerspruche zwischen Lehre und Leben,
in dem Umstände, dafs die Menschen anders leben, als sie sprechen,
ganz anderen Idealen nachjagen, als denen, welche sie im Munde
führen und verkünden, mit die verderblichen Folgen jener seit
Jahrzehnten in allen Tonarten gesungenen lieblichen Weise von
der Lehrbarkeit der Tugend. Daher mufs mit allem nur
möglichen Nachdrucke dagegen angekämpft, diese Lehre öffentlich
als eine Irrlehre gebrandmarkt werden, damit niemand mehr sich
hinter sie mit dem geringsten Scheine Rechtens verschanzen und
verstecken kann. Den Genufssüchtigen mufs man zurufen: wundert
euch doch nicht über die geringe Enthaltsamkeit der Jugend,
solange ihr nicht mit gutem Beispiele vorangeht, solange ihr
euch blofs darauf beschränkt, Enthaltsamkeit zu predigen. Den
Strebern mufs man sagen: klagt doch nicht über die Verlogen-
heit und Heuchelei, die Selbstsucht und den Servilismus der
jungen Generation, solange ihr wohl über das Strebertum als über
eine gemeine Sache scheltet, ohne euch aber in eurer Jagd
nach dem Glücke, in eurem Haschen nach Karriere stören zu
lassen. Allen diesen und verwandten Naturen ringe man die Ent-
schuldigung aus der Hand, dafs es auf das Leben nicht ankomme,
wenn nur die Lehre gut sei, indem man die Ansicht von der Lehr-
'barkeit der Tugend als eine irrige klar vor jedermanns Augen
hinstellt. Alsdann müssen sie entweder ihr Leben mit ihrer
Lehre oder, wenn sie das nicht wollen, ihre Lehre mit ihrem
Leben in Einklang bringen. In diesem letzteren Falle geben sie
doch wenigstens das Beispiel der Wahrhaftigkeit; und das
ist, wenn es auch nicht gerade auf einer zur Nacheiferung em-
pfehlenswerten Bahn geschieht, immerhin etwas wert, jedenfalls
viel besser als der vorhandene Zwiespalt zwischen Lehre und
Leben. Daran, an der Wahrhaftigkeit fehlt es leider heute auch
oft bei denen, welche die beste Absicht haben, die Heranwachsen-
den gut zu erziehen; welche wissen, dafs es dabei nicht blofs auf
gute Lehren ankommt, sondern vor allem auf die Gewöhnung, auf