Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 29. Häusliche und öffentliche Erziehung. 275
Erziehung, an der Gewöhnung gefehlt hatte. Wir wissen ja be-
reits, dafs bei Menschen mit starken idiopathischen Neigungen
Ermahnungen und Belehrungen gar nichts fruchten, sondern dafs
solche nur durch allmähliche, lang dauernde Gewöhnung um-
gewandelt werden können. Ferner: erinnere sich doch jeder an
seine Schulpraxis! Ist es schon jemals einem Lehrer gelungen,
durch seine Belehrungen und Ermahnungen und die gelegentliche
Handhabung der Zucht aus einem verlogenen Kinde ein wahrheit-
liebendes zu machen, wenn es an der rechten häuslichen Zucht
fehlte? Ich habe an zwei Schulen, einer Mädchen- und einer
Knabenschule, unterrichtet, die ganz nach Herbart'schen Grund-
sätzen eingerichtet, die Erziehungsschulen par préférence waren,
wenigstens sein wollten und sein sollten; aber ich habe nicht ge-
funden, dafs da die Schülerinnen und die Schüler besser gewesen
wären als anderswo. So lernte ich bei dieser Gelegenheit ein
lügnerisches Mädchen und einen diebischen Jungen kennen, die
trotz des „erziehlichen" Unterrichtes ganz dreist und frech logen
und stahlen. Dafs das eine wie das andere schlecht sei, das
wufsten sie ganz genau, und oft genug gelobten sie unter strömen-
den Thränen Besserung, leider stets vergebens. Die Nachforschung
nach der häuslichen Erziehung ergab in beiden Fällen, dafs es
damit sehr schlecht bestellt war. Derartige Beispiele lassen sich
mit Leichtigkeit verzehn-, verhundertfachen. Und da will man
sagen, der Unterricht wirke versittlichend, charakterbildend, ja, er
sei das vorzüglichste Mittel dazu! Wahrlich, es ist mit der Päda-
gogik weit gekommen; an Stelle der ruhigen, auf die Erfahrung
sich stützenden Besonnenheit herrscht in ihr die Sucht, mit neuen,
bedenklich wackeligen Theoremen Effekt zu erzielen.
Aber gehen wir weiter. Schlagen wir doch alle einmal an
unsere eigene Brust; gedenken wir doch dessen, wie wenig wir
den Lehren, die uns in unserer Jugend, besonders gerade in der
Schule, beigebracht worden sind, im Leben treu waren, sofern
wir nicht gleichzeitig daran gewöhnt worden sind, uns nach ihnen
zu richten, namentlich sofern es an dem geeigneten Vorbilde,
dem so nötigen Beispiele gefehlt hat. Wenn Gefühle und Stre-
bungen nur Modifikationen des Vorstellens sind, wenn die Bildung
unseres Charakters, unseres Gemüts, unserer Sittlichkeit von der
des Vorstellens abhängt, warum beeinflufste uns dann nicht selten
das Thun der Menschen unserer Umgebung, trotzdem es zu dem
in Widerspruch stand, was man uns lehrte? Wenn das Wollen
in den Gedankenmassen wurzelt, wie die beliebte Redensart lautet,
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