Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 29. Häusliche und öffentliche Erziehung. 253
ihn dem Schofse seiner Familie entreifst. Wir sehen es so deut-
lich an Waisenkindern, dafs der Verlust der elterlichen Familie
ein grofses, vielleicht das schwerste Unglück ist, welches den
Menschen im Leben treffen kann. Waisenkindern haftet fast stets
eine gewisse Herbigkeit an; mag ihre Tugend auch makellos sein,
so fehlt ihr doch zumeist die Anmut. Und diese, den Zeugen
eines ruhigen, in sich harmonischen Gemütes und eines zart em-
pfindenden Herzens, vermissen wir immer nur ungern: ihr Mangel
stöfst zurück und vereinsamt den Menschen, der an ihm leidet.
Anmut und Würde im Verein machen den Menschen erst zur
wahrhaft sympathischen Erscheinung. ,Sind Anmut und Würde",
sagt Schiller mit Recht in seinem Essay „Über Anmut und
Würde", „in derselben Person vereinigt, so ist der Ausdruck der
Menschheit in ihr vollendet." — Aber aufser der angegebenen
Folge des Fehlens der elterlichen Erziehung tritt nicht selten
noch eine andere ein, die weit bedenklicher ist: der Mangel an
Liebe, an Wohlwollen. Der etwas rauhen Tugend, wenn sie uns
auch weniger anziehend erscheint, versagen wir doch unsere Ach-
tung nicht, ja, wir bewundern sie sogar geradezu unter Um-
ständen; Kaltherzigkeit aber erweckt unseren Abscheu. Eine solche
Wirkung wird die öffentliche Erziehung fast immer bei Individuen
mit starken idiopathischen Trieben haben; die Erzieher, diese be-
merkend, wollen sie eindämmen und zurückdrängen. Da ihnen
aber die natürliche Liebe zu den Zöglingen abgeht, vergreifen
sie sich leicht in der Wahl der Mittel auch bei dem allerbesten
Willen und nehmen zu scharfen Mafsnahmen ihre Zuflucht. Solche
aber rufen zumeist Erbitterung hervor und bewirken, weit davon
entfernt, den Egoismus zu unterdrücken, blofs, dafs derselbe sich
verbirgt, um später desto energischer sich geltend zu machen.
Die Eltern hält die Liebe ab, dem Egoismus der Kinder einen
allzu straffen Zügel anzulegen; indem sie demselben einen gewissen
Spielraum lassen, verhindern sie seine Aufstauung und sein nach-
maliges ungestümes Hervorbrechen. Von einer vollständigen Be-
seitigung desselben kann gar keine Rede sein, am allerwenigsten
bei Kindern; aufserordenthche Schicksalsschläge allein können,
wenn sie auch das nicht hervorzubringen vermögen, ihn auf ein
Mindestmafs reduzieren. Der berufsmälsige Erzieher legt
naturgemäfs das gröfste Gewicht auf die Autorität; Kinder aber
verlangen und brauchen vor allen Dingen Liebe. Sie lassen jene
nur dann gern gelten und beugen sich ihr willig, wenn sich diese
mit ihr vereint. Und das ist eben in völlig befriedigender Weise