Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 28. Struktur und Organisation der sozialen Psyche. 241
liehe Bindung ist allumfassend; alles ist Geschichte. Aus
dem geschichtlichen Zusammenhange kann niemand heraus; jeder
ist bis in die feinsten Fasern seines geistig-leiblichen Organismus
hinein ein geschichtliches Wesen. Wir hängen, wir „zap-
peln" alle am historischen Faden, wie der Fisch an der
Angel; wir sind so eins mit den Menschen vor uns und um uns,
fühlen uns ihnen so eng verbunden, empfinden uns so ganz zu
ihnen gehörig, dafs jede Abweichung von dem allgemeinen Denken
und Handeln uns Schmerz bereitet; dafs es uns grofse Über-
windung kostet, wenn wir dazu getrieben werden. Darum leiden
wir auch so bitter, wenn wir uns zu Zeiten bis zu einem gewissen
Grade von der Tradition loszulösen beginnen, indem wir uns von
allem unvernünftig Gewordenen, von allem, was am Mafsstabe der
neu aufkeimenden Vernunft gemessen, keinen Sinn mehr hat, blofs
noch Schale ohne Kern ist, freimachen. Die Ersten, die das ver-
suchen, indem sie ihr Überlieferungs-Empfinden zu über-
winden vermögen, verfallen dem Martyrium; erst wenn die neue
Vernunft über das Keimstadium hinaus ist, erfolgt allmählich die
Emanzipation immer schmerzloser und führt nunmehr einen neuen
Gesamtzustand des Denkens, Fühlens und Wollens herbei, wenig-
stens einen relativ neuen; denn der Zusammenhang mit dem, was
jemals war, kann niemals völlig gelockert werden: ist doch die
neue Vernunft selbst nur eine Frucht der früheren und diese wie-
der der vorhergegangenen und so in lückenlosem, unendlichem
Rückschritt bis zum erstmaligen Aufdämmern der Vernunft über-
haupt.
In alledem thut sich die Macht des Gesamtgeistes kund,
erweist sich derselbe als ein durchaus Reales, das über dem
Einzelgeiste, denselben beherrschend und leitend, steht. Der
Einzelgeist ist nur ein Teil des Gesamtgeistes, die individuale ein
Stück der sozialen Psyche. Die soziale Psyche oder Kollek-
tivseele ist somit ebenso wirklich wie die Einzelseele. Freilich
fehlt ihr die materielle Grundlage, welche die letztere besitzt, ein
Hirn und Nervensystem; aber es fehlt ihr nicht an einer materiellen
Grundlage überhaupt: was für die Einzelseele das Hirn und
Nervensystem, das sind für die Kollektivseele, für die
soziale Psyche die natürlichen Lebensbedingungen. Und
vor der Einzelseele hat die Kollektivseele das voraus, dafs jene
mit dem Gehirn vergeht und verschwindet, diese mit den natür-
lichen Lebensbedingungen bestehen bleibt: als Volkscharakter, als
Gesamtgeist, der sich äufsert in der Sprache, im Recht, in der
Bergemann, Soziale Pädagogik. 16