Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 27. Die Triebkräfte des Gemeinschaftslebens. 233
der absoluten Ethik fehlen die festen sittlichen Wertmafsstäbe; sie
sind jedoch vorhanden in der evolutionistischen und zwar als ganz
natürliche ganz von selbst sich ergebende und in der That nicht
weiter ableitbare; es sind eben jene beiden: Erhaltung und Ver-
vollkommnung der Gattung. Gut ist, was der Gattungs-
erhaltung und Gattungsvervollkommnung förderlich,
böse, was ihr hinderlich ist. Damit ist ein durchaus fester
und sicherer Mafsstab gegeben, ein wahrhaft höchstes und letztes
Prinzip, das unerschütterlich ist, dem überhaupt alles, was lebt,
wenngleich, vom Menschen abgesehen, blofs instinktiv nachkommt.
Endlich soll die evolutionistische Ethik das im Wechsel Be-
harrende nicht erklären können. Das ist wieder falsch. Zunächst
einmal das: die evolutionistische Ethik erkennt geradeso wie
die absolute an, dafs es im sittlichen wie in allem Leben über-
haupt Beharrendes neben dem Fliefsenden giebt, und zwar können
das sowohl einzelne bestimmte Vorschriften als auch allgemeine
Grundsätze sein, Abstraktionen, gewonnen aus einer Fülle in langen
Zeiträumen gemachter Erfahrungen. Will man diese sittliche
Ideen nennen, so kann man das immerhin thun; aber man mufs
sich dann jedenfalls hüten, z. B. mit Herbart irgend eine be-
stimmte Zahl festzusetzen: das ist ein ebenso aussichts- wie frucht-
und bedeutungsloses Beginnen. — Wenn man nun behauptet, das
aus der Idee des Wohlwollens sich ergebende Gebot: „Liebe deinen
Nächsten!" habe von jeher der Anerkennung als eines sittlichen
sich erfreut, so ist man im Irrtum. Soll dies Gebot irgend einen
Sinn haben, so kann es nur bedeuten: hilf nach Kräften dem
Nächsten, sein individuelles Leben zu erhalten! Mein Nächster
ist sicherlich in erster Linie mein eigen Fleisch und Blut, also
mein Kind; ferner werden als Nächste zweifellos die Verwandten
angesehen, dem Ehemann gilt seine Gattin als Nächster u. dgl. m.
Haben denn die Absolutisten keine Ahnung, dafs es noch Völker-
schaften giebt, bei denen der Kindermord floriert? Völkerschaften,
bei denen z. B. von den Eltern alle weiblichen Geburten bis auf eine
oder höchstens zwei vernichtet werden; es gilt das für durchaus
sittlich. Andere Völkerschaften giebt es, wo die Eltern ihre
Kinder, wenn sie deren genug zu haben glauben, nicht blofs töten,
sondern auch noch verspeisen; es gilt das durchaus nicht für un-
sittlich. Es giebt auch Völkerschaften, wo der Mann seine Frau
töten und verzehren darf. „Liebe deinen Nächsten!' Und aufser-
dem mufs hier doch die alte Pharisäerfrage wieder aufgeworfen
werden: „Wer ist denn mein Nächster?" Welch ein Wandel in