Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
Bekijk als:      
Scan: Afbeeldinggrootte:
   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Vorige scan Volgende scanScanned page
§ 25. Die Kultur als Produkt des Gemeinschaftslebens. 221
Glaube, der im gemeinsamen Gebet und in sonstigen Kulthand-
lungen sich äufsert, kurz eben die gemeinsame Religion und
Religionsübung hervorgeht. Man sieht: die Religion entspringt
aus derselben Wurzel wie die Sitte gröfstenteils auch; darum kann
es uns nicht wundern, wenn wir Religion und Sitte in engstem
Zusammenhange überall vorfinden. — Das soeben über das Zu-
standekommen des religiösen Empfindens Gesagte scheint in einem
gewissen Gegensatze zu dem zu stehen, was ich im ersten Teile
über die Entstehung der Religion ausführte, dafs dieselbe näm-
lich ein Produkt der menschlichen Phantasie sei. Dieser Wider-
spruch ist aber nur ein scheinbarer und läfst sich leicht auflösen.
Die Religion hat zwei Seiten, an ihr ist ein Doppeltes zu unter-
scheiden, ein Vorstellungs- bezw. Phantasiemäfsiges und ein Ge-
fühlsmäfsiges. Sie ist ein Produkt der Phantasie, die nach aufsen,
in eine übersinnliche Welt projizierte Phantasievorstellung eines
Gottes. Diese Phantasiethätigkeit hat aber ihre Quelle im Fühlen.
Und zwar handelt es sich dabei um einen ganzen Komplex von
Gefühlen, die in ihrer Beschaffenheit zudem verschieden sind je nach
dem Entwickelungsstandpunkte der Menschen, bezw. der Mensch-
heitsgruppen, der Stämme, der Völker. Auf niederen Entwickelungs-
stufen sind besonders ausschlaggebend Gefühle der Not, der Sorge,
der Furcht, sagt doch das Sprichwort geradezu: ,Not lehrt beten".
Kurz der Mensch fühlt sich schutzbedürftig und setzt nun in seiner
Phantasie ein Wesen, welches noch Hilfe zu gewähren vermag, wo
menschliche Hilfe zu versagen scheint, einen Gott, an den man sich
hilfeflehend, betend, opfernd wenden kann. Auf höheren Entwicke-
lungsstufen kommen andere Gefühle in Betracht, z. B. das Gefühl der
schlechthinigen Abhängigkeit (Schleiermacher), eine Art Heimweh
(Lagarde), das aus dem Innewerden der Lebensschranken (Bieder-
mann), aus dem Anspruch auf Leben (Kaftan), aus dem Wunsch
nach Erfolg unserer Thätigkeit, nach Ergänzung und Steigerung
unserer Kraft (Bender) hervorgehende Sehnsuchtsgefübl, das Ge-
fühl der Unzulänglichkeit und Beschränktheit menschlichen Wollens
und Handelns. Dieses letztere Gefühl ist wohl das für den hoch-
entwickelten Kulturmenschen, den Kultur-Philosophen und -Päda-
gogen, den bewufsten Kultur-Kämpfer und -Arbeiter am meisten
ins Gewicht fallende. Dieser, der den Zweck des Lebens in der
Erhöhung des Lebens, im Kulturfortschritt erblickt, verzagt oft
angesichts der Thatsachen der Erfahrung an der Möglichkeit
und Thatsächlichkeit eben dieses Fortschrittes, namentlich auf
sittlichem Gebiete. Um diese Verzagtheit zu überwinden, bedarf