Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 18. Unzulänglichkeit der individualistischen Auffassung. 151
grofsen und ganzen beruhen jedoch die geistigen Unterschiede,
welche zwischen den Angehörigen der höheren und der niederen
Gesellschaftsklassen bestehen, auf Vererbungs- und Milieu-Ein-
flüssen, Einflüssen der Erziehung, Beschäftigung u. a. m. Manche
solcher Unterschiede sind schon im ersten Teil berührt worden;
jetzt hebe ich noch Folgendes hervor. Wie die von Pauline
Tarnowskaja bei normalen, verbrecherischen und prostituierten
Frauen Rufslands vorgenommenen Untersuchungen der Sinnes-
empfindungen ergeben haben, besitzen die Frauen mittleren und
höheren Standes in den Städten feinere und schärfere Sinne als
die niedern Standes und als Bauerfrauen. Andere Beobachter
haben im grofsen und ganzen eine feinere Tastempfindlichkeit bei
den oberen als bei den unteren Schichten festgestellt. Ottolenghi
fand bei seinen Experimenten in Turin, welche die Geschmacks-
Empfindlichkeit von Personen aus den verschiedensten Be-
völkerungskreisen zum Gegenstande hatten, dafs Männer der
Arbeiterklasse im allgemeinen einen viel weniger feinen Geschmack
aufzuweisen haben als Männer der oberen Klassen. Farbenblindheit
kommt häufiger bei den niederen als bei den höheren Ständen
vor; bei Arbeiterkindern in Irland ist diese Anomalie doppelt so
häufig als bei Kindern Wohlhabender. Die Kommission der
ophthalmologischen Gesellschaft zur Untersuchung der
Farbenblindheit in England fand unter Schutzmännern und
Schulkindern der entsprechenden Gesellschaftsklasse 3,7 "/o und
bei Schulkindern der mittleren Gesellschaftsklassen 3,5 "/o Farben-
blinde, hingegen unter den Schülern der Marlborough-Schule nur
2,5 "/o und unter den Schülern in Eton, welche geradeso wie die der
Marlborough-Schule den höheren Ständen angehören, blofs 2,46 ®/o
Farbenblinde. Nach Buccolas, die Feststellung der Reaktionszeiten
bei Gebildeten und Ungebildeten betreffenden Versuchen reagieren
Gebildete schneller als Ungebildete. Auf die ohne weiteres wahr-
nehmbaren geistigen Unterschiede bei den höheren und niederen
Ständen, die grofse geistige Ungelenkigkeit der Angehörigen der
letzteren, die sich in dem Mangel an Formgewandtheit, in der
Unfähigkeit zu dem, was man Konversation nennt, und in vielen
anderen Stücken äufsert, brauche ich nicht einzugehen: diese
Dinge sind jedermann geläufig.
Aus allem, was ich ausgeführt habe, hat sich uns jedenfalls
als ganz sicher das ergeben, dafs thatsächlich das Individual-
leben in jeder Hinsicht sozial bedingt ist: der Mensch
ist weder leiblich noch geistig Mensch schlechtweg.