Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 18. Unzulänglichkeit der individualistischen Auffassung. 131
§ 19.
Nun kann nicht im entferntesten in Abrede gestellt werden,
dafs das Wirken dieser Männer und ihrer Vorläufer Grofses voll-
bracht hat: ich habe schon gesagt, worin dasselbe besteht. Es
kann ferner nicht im entferntesten geleugnet werden und zweifel-
haft sein, dafs die Herbeiführung einer freieren Auffassung der
menschlichen Persönlichkeit, welche wir den begeisterten Banner-
trägern des Individualismus verdanken, eine Notwendigkeit war;
dafs sie einen Fortschritt in der Entwickelung des Menschen-
geschlechtes bedeutet, mag dieser Fortschritt auch der Hauptsache
nach aus einem grofsen Irrtum hervorgegangen sein. Dafs ein
solcher Fortschritt thatsächlich zu verzeichnen ist, das erkennen
wir am deutlichsten daran, dafs wir dem Individualismus die
praktische Nutzbarmachung der Idee der Toleranz verdanken.
Aus der Toleranzidee entsprang, wie wir gesehen haben, die reli-
giöse und kirchliche Reformation des 16. Jahrhunderts. Aber in-
folge einer der eigentümlichen Ironien, in denen sich bisweilen
die Geschichte gefällt, führte diese Reformation ihrerseits wieder
zur gröfsten Intoleranz. Das kam so. Luther war vorzugsweise ein
Mann der Religion; organisatorisches Talent ging ihm fast ganz
ab. Gegen die als Staat und als Rechtsinstitution organisierte
katholische Kirche besafs er eine heftige Abneigung, und infolge
dieser Abneigung entliefs er nicht nur den Staat aus dem kirch-
lichen Machtbereich, sondern er that weiterhin den höchst ver-
hängnisvollen Schritt, die Organisation seiner, also der neuen
Kirche dem Staate und der Obrigkeit, bezw. dem Landesherrn zu
übertragen. Der Landesherr ward zum Landesbischof, die Kirche
zur Landeskirche. Daraus resultierte späterhin der verderbliche
politische Grundsatz: cujus regio, ejus religio, der das Signal zu
so vielen niedrigen Intriguen und sogar zu blutigen Kämpfen
wurde. Erst im 17. Jahrhundert kam, unter dem Druck der Not,
die jener Grundsatz heraufbeschworen hatte, die Toleranzidee von
neuem zum Durchbruche, ward jetzt und in der Folgezeit erst wahr-
haft fruchtbar gemacht und auf wissenschaftlicher, philosophischer
Grundlage verfochten. Als philosophischer Begründer und Bahn-
brecher der Toleranzidee in politischer wie in religiöser Hinsicht
ist Baruch Despinoza zu betrachten und zu verehren. In seinem
berühmten theologisch - politischen Traktat fordert er absolute
Denk- und Redefreiheit und weist mit überzeugenden Gründen
nach, dals ohne solche der Friede, die Wohlfahrt und das Ge-
deihen des Staates undenkbar seien. Als würdiger Champion kann
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