Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
Bekijk als:      
Scan: Afbeeldinggrootte:
   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Vorige scan Volgende scanScanned page
§ 15. Erziehungsfunktionen. lül
und ging daher immer mit etwas geöffnetem Munde umher. Ich
hielt das anfänglich für blofse schlechte Gewohnheit, bis ich
schliefslich dahinter kam, dafs das Mädchen an behinderter Nasen-
atmung Htt. Nunmehr konsultierte ich einen Spezialisten für
Nasen-, Hals- und Ohrkrankheiten, und derselbe stellte Wucherungen
im Nasenrachenraum fest. Es wurde eine Operation vorgenommen,
deren gute Folge u. a. auch eine entschieden weit gröfsere in-
tellektuelle Regsamkeit, als sie vordem gewesen, war.
Sehr sorgfältig ist endlich bei der Pflege auf Vermeidung
alles dessen zu achten, was Nervosität der Kinder hervorzurufen
geeignet ist, wodurch ja ebenfalls ihre geistige Entwickelung ge-
hemmt und beeinträchtigt wird. Diese primäre und sekundäre
Wirkung hat die Überschüttung der Kinder mit Licht- und Schall-
reizen, das übertriebene Vorsagen von Silben und Wörtern in Ver-
bindung mit der Nötigung zum Nachsprechen, die Nichtgewährung
hinreichender Ruhe in der Rekonvalescenz durch übermäfsige Teil-
nahme und durch Bemühungen, das Kind durch mit ihm Spielen
und ihm Vorlesen zu zerstreuen, ferner rauhe Behandlung und
Schläge, Erzählen von Gespenstergeschichten, Mitnehmen in Gesell-
schaften, in Konzerte und Theater u. dgl. m.*) Was die ersten
beiden Punkte betrifft, überhaupt das aus der Ungeduld eitler Er-
zieher resultierende Streben, die Kinder zu frühzeitigen intellek-
tuellen Brillant-Leistungen zu dressieren, so hat das geradezu hoch-
gradige Nervosität und obendrein Erschöpfung des Zentralnerven-
systems zur Folge, so dafs ein solches „Wunderkind" später zumeist
ein höchst mittelmäfsiger und gewöhnlicher Mensch wird, bisweilen
auch das nicht einmal. Erinnert sei z. B. an eine Erzählung von
Hebel, welche diese EventuaHtät sehr treffend und drastisch
illustriert. Ein Junge, welcher schon mit 9 Jahren infolge grofser
Dressur Wesen und Zusammensetzung der Dampfmaschine erklären
konnte und bei jeder Gelegenheit als „Paradepferd" vorgeführt
wurde, lernte, als er älter wurde, aufser der Erklärung seiner
Dampfmaschine überhaupt nichts mehr. Und von einem Manne
von 28 Jahren berichtet aus eigener Erfahrung Gramer, dafs der-
selbe zu keinem Examen und zu keiner eigenen Lebensführung
gelangen kann, während er als Kind „sehr weit vor", d. h. vor-
gebracht war und im neunten Lebensjahre einen Freund Cramers
fragte: „Was schätzen Sie höher, Schillers Räuber oder Goethes
Götz von Berlichingen?"
*) Man vergleiche: Gramer, „Über die aufserhalb der Schule liegen-
den Ursachen der Nervosität der Kinder".