Boekgegevens
Titel: Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
Auteur: Bergemann, Paul
Uitgave: Gera: Theodor Hofmann, 1900
Auteursrechten: Zie auteursrechten
Citeerinstructie: Bijzondere Collecties van de Universiteit van Amsterdam, UBM: IWO 670 J 10
URL: http://schoolmuseum.uba.uva.nl/bookid/LCSM_200003
Onderwerp: Pedagogiek: sociale pedagogiek
Trefwoord: Sociale pedagogiek, Handboeken (vorm)
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   Soziale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage, und mit Hilfe der induktiven Methode, als universalistische oder Kultur-Pädagogik
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§ 15. Erziehungsfunktionen. lül
kümmerung in geistiger Hinsicht bedeutet. Das wird
aus folgenden Beispielen ganz klar hervorgehen. Der total
Farbenblinde sieht die Welt bekanntlich ganz anders, als wir
sie sehen; ihm bedeuten die mannigfachen Farbenreize nichts: eine
Landschaft stellt sich ihm dar wie ein Stahl- oder ein Kupferstich.
Damit geht ihm eine ganze Fülle von Lustgefühlen verloren; ein
eigentliches Verständnis für das Naturschöne und auch für das
Kunstschöne der Malerei, sofern es auf Farbenreizen beruht, kann
niemals bei ihm sich herausbilden. Und in rein intellektueller
Hinsicht ist zu sagen, dafs ein solcher Mensch infolge der Un-
möglichkeit, Farbenreize durch die entsprechenden Empfindungen
auslösen zu können, eine grofse Einbufse in seiner Fähigkeit, die
Gegenstände voneinander zu unterscheiden, erleidet. Ferner denke
man an die mangelhafte Raumvorstellung Blindgeborener und
daran, wie mangelhaft überhaupt das Weltbild dieser Unglück-
lichen ist. Ganz Ahnliches gilt von Menschen ohne Tast- oder
Temperatur-, ohne Geruchs- oder Geschmacks-Empfindungen, deren
es gar nicht wenige giebt. Diese Personen können z. B. von der
chemischen Konstitution der Körperwelt keinen klaren Begriff ge-
winnen; auch ihr Weltbild ist somit ein beschränktes und ärm-
liches. Endlich weise ich noch hin auf die Taubgeborenen.
Gerade an ihnen können wir am deutlichsten beobachten, welch
ungeheuren Ausfall in geistiger Hinsicht das Fehlen eines Sinnes
bedeutet. Der Gehörsinn wirkt nämlich in hervorragendem Mafse
gestaltend auf unser Denken und Fühlen, auf Intellekt und Gemüt,
kurz auf unser ganzes Wesen ein. Er thut das sogar in noch
höherem Grade als alle übrigen Sinne.*) Aber von ihnen allen
gilt: wo ein Glied leidet, leiden alle anderen Glieder mit, leidet
der ganze Mensch, indem er eine lückenhafte, verstümmelte Per-
sönlichkeit wird, in bald höherem, bald geringerem Grade, bald
mehr auf der Seite des Erkennens, der Intelligenz, bald mehr auf
der des Fühlens, des Gemütes. Die Gesundsinnigkeit ist also
in der That von gröfster Bedeutung für das gesamte Geistesleben
des Menschen; dieselbe zu erhalten, bezw. diesbezügliche Annorma-
litäten nach Kräften und nach Möglichkeit zu kompensieren, mufs
demnach eine der vorzüglichsten Aufgaben der Erziehung sein,
und zwar ist das eben die der hier behandelten Erziehungsfunktion,
der Pflege.
*) Man vergleiche: Brauckmann, „Die im kindlichen Alter auf-
tretenden Schwerhörigkeiten und ihre pädagogische Würdigung".